In der Beliebigkeitsfalle

- Eine Frage der Schuld? Darum geht's nicht nur in dem Schauspiel "Der jüngste Tag" von Ödön von Horváth (1901-1938), das soeben im Münchner Residenztheater Premiere hatte. Diese Frage stellt sich auch beim Betrachten der Aufführung. Ein ausgezeichnetes Stück, viele gute Schauspieler und ein Regisseur, der mit "Kabale und Liebe" und "Philoktet" inszenatorisches Zupacken bewiesen hat.

<P>Woran also liegt's, dass er diesmal inhaltlich wie stilistisch die Geschichte nicht in den Griff bekommen hat und zu den Horvá´th-Menschen nicht durchgedrungen ist? Wenn man die Figuren zeit- und ortlos lässt, wie es Florian Boesch hier getan hat, wenn ihnen ihre spezifische Sprache genommen wird, schnappt die Beliebigkeitsfalle zu. Das Spiel verliert alle Spannung, der Zuschauer das Interesse.</P><P>"Der Grundstein für das Scheitern der Personen in ,Der jüngste Tag ist in Horvá´ths Sprache gelegt. Bis auf den Staatsanwalt sprechen alle Figuren eine süddeutsch-österreichische Kunstsprache", belehrt das Programmheft. Und zitiert dazu den Autor selbst: "Es darf kein Wort Dialekt gesprochen werden! Jedes Wort muss hochdeutsch gesprochen werden, allerdings so, wie jemand, der sonst nur Dialekt spricht und sich zwingt, hochdeutsch zu reden. Sehr wichtig!"</P><P>Wer also im Theater trägt Schuld dafür, dass Florian Boesch diese Bedingungen in den Wind geschlagen hat? Dass auf der Bühne schwyzerisch, berlinerisch, bayerisch, kurz, alles durcheinander geredet wird? Dass schon bei der Besetzung der Rollen den Anforderungen nicht entsprochen wurde? Man ist doch sonst so klug im Hause Dorn. Dass hier nun aber einer der ganz großen Autoren, um den sich die Arrivierten der Bühne allzu gerne drücken, weil er so schwer ist, verspielt wurde und zwar in erster Linie von der Theaterleitung und erst in zweiter vom jungen Regisseur, ist unverzeihlich.</P><P>Heute, gestern, überall</P><P>"Der jüngste Tag" ist Horváths vorletztes Stück. Danach blieb ihm nur noch Zeit für "Don Juan kommt aus dem Krieg". Dann wurde er auf den Champs-Elysées während eines Gewitters von einem herabstürzenden Ast erschlagen. Ein Tod wie erfunden für eines seiner Dramen. Mystisch, ahnungsreich, geheimnisvoll. Genau, was sein Stück auch ist, was aber der Inszenierung durchweg fehlt.<BR>Mit dem übersinnlichen Schluss des Dramas und seiner Vieldeutigkeit - der Begegnung des Stationsvorstandes Hudetz mit den Toten des von ihm verschuldeten Eisenbahnunglücks und der ermordeten Anna - ist Boesch in der szenischen Umsetzung völlig überfordert. Dazu kommt sein Grundirrtum, das Horvá´th-Stück aus dem lokalen "Milieu" zu lösen und es sowohl heute als auch vorgestern und überall spielen zu lassen.</P><P>Da tut es einem vor allem um Michael von Au leid, der mit der Rolle des Hudetz in ein anderes Fach hinüberwechseln könnte. Glaubwürdig ist er in seiner Anständigkeit, Einfachheit und tumben, schicksalhaften Getriebenheit; vielleicht wäre ja mal ein Woyzeck möglich. Was jedoch fehlt, ist die Vielschichtigkeit der Figur, ist das spannende, komplexe Beziehungsgeflecht zu den Frauen, die den schmucken Mann begehren: Anna, die für ihn einen Meineid schwört und durch unauslöschbare Schuld mit ihm verstrickt ist (blass und unerfahren: Franziska Rieck); seine von Eifersucht besessene Frau, die er nicht liebt (kräftig und routiniert: Ulrike Willenbacher); und Kellnerin Leni, die auf ihn hofft (freundlich und zurückhaltend: Anna Riedl). Die vierte im Bunde: Barbara Melzl als schwyzerisch ratschende Frau Leimgruber - eine Spezial-Lachnummer für sich. Spaß bereitet auch die Wiederbegegnung mit Claus Eberth, der als Wirt zum "Wilden Mann" dem Namen des Gasthauses alle Ehre macht. Und mit seiner schauspielerischen Wucht die eng begrenzte Bühne von Stefan Hageneier - gelbe Wände mit Tunnelzugang und Schienenstrang - zuweilen sprengt.</P><P>Horváth aufzuführen - da schlägt für jedes Ensemble die Stunde der Wahrheit. Die aber, um aus dem "Jüngsten Tag" zu zitieren, liegt - nach Kenntnis der Premiere - leider ganz woanders.</P><P>Die Handlung<BR>Weil ihn plötzlich die junge Anna küsst, setzt der untadelige Stationsvorstand Hudetz das Haltesignal für den heraneilenden Schnellzug einen Moment zu spät. Kurz darauf erfolgt der Crash - 18 Tote. Ein Meineid Annas bewahrt den Mann vor der Verurteilung. Wie ein Held wird er im Dorf gefeiert - und wenig später wie ein Hund gejagt. Denn Anna, mit der er sich auf seine Weise verloben wollte, wird tot aufgefunden. Jetzt erst nimmt Hudetz die ganze Schuld auf sich.</P><P>Die Besetzung<BR>Regie: Florian Boesch.<BR>Ausstattung: Stefan Hageneier.<BR>Musik: Olga Neuwirth.<BR>Darsteller: Michael von Au (Thomas Hudetz), Ulrike Willenbacher (Frau Hudetz), Peter Albers (Alfons), Claus Eberth (der Wirt), Franziska Rieck (Anna), Heiko Ruprecht (Ferdinand), Anna Riedl (Leni), Barbara Melzl (Frau Leimgruber), Robert Joseph Bartl (ein Vertreter), Peter Herzog (ein Gendarm), Christoph Tomanek (Kohut), Christian Nickel (Staatsanwalt, Lokomotivführer Pokorny).</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Indische Experimente am Volkstheater
Bereits zum zweiten Mal inszeniert der indische Regisseur Sankar Venkateswaran am Münchner Volkstheater. Wir haben den Theatermacher vor der Uraufführung seines …
Indische Experimente am Volkstheater

Kommentare