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Zwei Ensemblekolleginnen, die sich auf bewegende Weise ergänzen: Einspringerin Tara Erraught (Romeo, oben) und Eri Nakamura (Giulietta).

Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“: Premierenkritik

München - Normalerweise liest man solches in den Biografien der Programmhefte oder hört es von nostalgisch verklärten Fans:

eingesprungen für den maladen Promi, mit Chuzpe den Abend gemeistert, das Publikum aus dem Häuschen gebracht und die Tür zur Opernwelt aufgestoßen - ein Moment, der merkwürdigerweise gern mit einem Begriff aus der medizinischen Diagnostik umschrieben wird:

„Durchbruch“ heißt das, wenn ein Star schlüpft. Und im Münchner Nationaltheater ist genau das jetzt passiert.

Wobei es sich lohnt, an die Tage zuvor zu erinnern: Warum der Intendant für Vincenzo Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ nicht den Markt nach dem „großen Namen“ abgegrast habe, hieß es vorschnell in den heißlaufenden Debatten. Warum denn ausgerechnet ein hauseigener Ersatz für die wegen einer Lungenentzündung darniederliegende Vesselina Kasarova geholt wurde. Geier kreisten also über der Premiere. Doch die Risikolust von Nikolaus Bachler, der vor dem Vorhang listig dem „Sängerverschiebebahnhof“ eine Absage erteilte, ging auf. Vielleicht weil er genau wusste, was Ensemblemitglied Tara Erraught als Romeo zuzutrauen war.

Die Handlung

Romeo, Spross der Montecchi, hat Capellios Sohn im Kampf getötet. Capellio verspricht Tebaldo seine Tochter zur Frau, doch Giulietta ist längst in Romeo verliebt. Romeo will mit Giulietta entfliehen, die weigert sich. Um ihrer Heirat mit Tebaldo zu entkommen, schlägt der Arzt Lorenzo vor, Giulietta solle ein Mittel nehmen, das todesähnlichen Schlaf auslöst. Als Romeo in die Stadt zurückkehrt, erfährt er vom angeblichen Tod der Geliebten. An ihrem „Grab“ vergiftet er sich. Als Giulietta erwacht, will sie verzweifelt ihrem Romeo in den Tod folgen.

Natürlich ist ihre Stimme noch nicht ganz reif für Riesenhäuser. Und natürlich muss sie sich die tiefe Lage noch erobern und vollkommene Sicherheit in der Attacke gewinnen. Aber so wie die Irin singt, springen einem beste Prognosen aus jeder Note entgegen. Ohne Umschweife, ohne vokales Lametta kommt diese Sängerin zum Ziel: Welch eine klare, natürliche Gestaltung! Welch schon jetzt verblüffender Sinn für feine Nuancierungen und Phrasenkontrolle! Und gerade in den lyrischen Szenen, im ersten Auftritt Romeos oder in der Sterbeszene, gelingen Tara Erraught kleine Wundermomente. Eine Empfindsamkeit ist da zu erleben, die instinktiv den Schlüssel zu Bellini findet - und damit zu den Herzen der jubelnden Premierengäste.

Ein, zwei Umdrehungen weiter geht Eri Nakamura, übrigens ebenfalls im Münchner Ensemble. Die Japanerin spielt und singt schon mit dem Selbstbewusstsein der angehenden Belcanto-Diva. Die vokalen Kontraste sind größer, die Phrasen raumgreifender und offensiver gebildet, die Spitzentöne freier. Und stets hört man bei ihr jenen dunklen, jedoch unverschatteten Sopranklang, dem man sich von Kollegin Netrebko, für die Nakamura vor zwei Jahren in London spektakulär einsprang, wünschen würde. Wie Tara Erraught verzettelt sich auch Eri Nakamura nicht im Zierrat. Beide Stimmen ergänzen sich derart ideal, dass man glatt an eine längst geplante Pointe des Besetzungsbüros glaubt - und daran, dass Tara Erraught seit Wochen mit Regisseur Vincent Boussard gearbeitet haben muss.

Die Besetzung

Dirigent: Yves Abel. Regie: Vincent Boussard. Bühne: Vincent Lemaire. Kostüme: Christian Lacroix. Chöre: Sören Eckhoff. Darsteller: Tara Erraught (Romeo), Eri Nakamura (Giulietta), Dimitri Pittas (Tebaldo), Steven Humes (Capellio), Carlo Cigni (Lorenzo).

Der Franzose, das ist seine offene Flanke, ist kein Mann für Massenszenen. Die erschöpfen sich in eingefrorenen Chören oder Prozessionen, bei denen die so sündteuren wie fantasiereichen, vor allem aber zweckfreien Gewänder von Modeschöpfer Christian Lacroix vorgeführt werden. Boussard geht es eigentlich um anderes: In schmucklosen Bildern zeigt er, wie die beiden Liebenden auf sich zurückgeworfen sind, wie sie zwar vom Ausbruch träumen, jedoch an ihr Dasein gefesselt sind. Aus Befangenheit, aus Unsicherheit, vielleicht auch aus Angst davor, was jenseits gewohnter Mauern warten und drohen könnte.

Verzweifelt steigt da Giulietta, gefangen in einer hohen Zelle, aufs einzige Requisit: auf ein Waschbecken, das so merkwürdig wie brutal-diesseitig zur Umgebung kontrastiert. Boussard verweigert sich dabei einer realistischen Personenführung. Und so, wie seine Protagonisten verdruckst und versonnen nebeneinander existieren, wie sich scheu ihre Hände finden und sie sich stockend ihre Zuneigung gestehen, wird mehr von dieser komplizierten Beziehung erzählt als in manch aufgeregter Psychostudie. Sehr genau und sehr bewegend glücken diese intimen Szenen, umso enttäuschender ist der Rest. Zwar verbannt Boussard den Krieg der Familien nach draußen, deutet ihn nur an mit verwaschenen Pferde- und Kämpfer-Projektionen. Ganz im Geiste Bellinis ist das, der ja behutsamer mit dem Stoff umgeht als etwa Gounod in seinem „Roméo et Juliette“-Spektakel.

Aber Boussard und Bühnenbildner Vincent Lemaire unterläuft auch Unerklärliches: Der riesige Bilderrahmen, der sich vor die Szene schiebt, ist mal komplett geschlossen, mal wieder unten offen. Dahinter die geschlossene Welt der beiden Familien, davor die ersehnte Freiheit, diese Chiffre wird nur unzureichend durchgeführt. Eine Unschlüssigkeit spricht in solchen Szenen aus der Aufführung, die immer wieder in die arrangierte Routine driftet. Stringenter ging Yves Abel vor. Anfangs, bei der krachenden Ouvertüre, bangte man noch. Doch später, mit einem wachsweich und klangschön spielenden Staatsorchester, wurde anderes deutlich: Nicht auf Effektvolles setzt dieser Dirigent. Abel hört Bellinis feinen Melodiebildungen und Instrumental-Soli nach, entwickelt alles in enger, handwerklich souveräner Abstimmung mit den Sänger-Ensemble. Dass dort noch Dimitri Pittas (Tebaldo) mit hellem, zupackendem Tenor zur Verfügung steht, auch Steven Humes (Capellio) und Carlo Cigni (Lorenzo), macht das Menü für Stimmschlürfer perfekt. Die Promis - Vesselina Kasarova wohl ab 9. April, Anna Netrebko offenbar in der nächsten Saison - sollten sich warm anziehen.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen: 30. März sowie 3., 6., 9. und 12. April;

Telefon 089/ 2185-1920.

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