Benutzbar für den Terror

- Ahmed rettet jedes Insekt. Ahmed ist 18 Jahre alt und hat gerade die High School in einem Kaff in New Jersey absolviert. Seine Mutter ist irisch-stämmige Amerikanerin, der Vater Ägypter. Er hat die Familie seit langem verlassen. Es ist der 11. September, soundsovielter Jahrestag der Terroranschläge, und Ahmed sitzt vor dem Möbellager, in dem er arbeitet. Er überlegt, dass seine Mitschüler einen Käfer, wie er gerade vor ihm auf dem Rücken zappelt, einfach zerdrückt hätten: "Eine breit getretene Leiche würde entstehen, ein wüster Matsch aus winzigen Körperteilen und ausgetretenen Lebenssäften, und er gedenkt keinesfalls, ein solches organisches Grauen anzurichten."

In die Falle gelockt Zwei Tage später fährt er einen mit zündbereitem Sprengstoff beladenen Laster Richtung Lincoln Tunnel, wo er die zahllosen New-York-Pendler in die Luft jagen oder im Chaos ersticken lassen will.

So wie der Protagonist sind in John Updikes neuem Roman "Terrorist" auch die anderen Charaktere konstruiert: vermeintlich realistisch, in sich gegensätzlich und bemüht komplex. Aber insgesamt doch viel zu exemplarisch. Und ähnlich verhält es sich mit der ganzen Geschichte. Sie will erzählen, wie ein kluger, sensibler amerikanischer Junge mit arabischem Hintergrund ein überzeugter, skrupelloser Attentäter werden kann. Sie will sich versuchsweise hineinfühlen und -denken in einen enttäuschten, unterforderten und anspruchsvollen jungen Mann. Und so lässt sie ihre Figuren fast schon musterhafte, didaktisch wirkende Dialoge führen, um zu zeigen: So zum Beispiel, so einfach kann es sein.

Seinen Versuchscharakter verliert dieser Roman dabei nie ganz. Da ist etwa die sympathische Mitschülerin, die im Kirchenchor singt, aber vom Christentum nichts hält und sich später von ihrem Freund als Hure vermarkten lässt. Oder Ahmeds Mutter, die so liberal lebt, dass sie ihn selbstverständlich in die Koranschule gehen lässt, ohne deren Lehrmeinung zu kennen. Und da ist der Beratungslehrer Jack Levy, aus dessen Perspektive streckenweise ebenfalls erzählt wird. Ahmed reibt sich nicht so sehr daran, dass Levy Jude ist, sondern dass er seinen Glauben verloren und sich selbst aufgegeben hat. Weil es sich hier um einen Updike handelt, verführt dieser Levy Ahmeds Mutter, was immerhin nicht als Motiv für Ahmeds Fanatismus verwertet wird.

Die Gestaltung der Gedanken- und Gefühlswelt dieses jungen Mannes gelingt Updike allerdings ganz hervorragend: Für Ahmed geht es zuallererst um Religion und überhaupt nicht um Politik. "Sie nehmen uns unseren Gott", kritisiert er die Haltung des Westens gegenüber dem Islam. "Wenn Gott es will", dann tut Ahmed alles. Dass er Zweifel an seinem Koranlehrer unterdrückt, liegt an seiner Angst: Er will den einzigen Menschen, der ihm moralische Werte vermittelt, nicht verlieren. Er kennt sogar den Gedanken, dass sein Glaube auch eine Möglichkeit für ihn ist, sich vom Durchschnitt zu distanzieren und als etwas Besonderes zu fühlen. Wegen der Unbedingtheit seiner religiösen Auffassung aber wird Ahmed für die Terroristen benutz- und missbrauchbar.

Ungläubige sind unrein und damit Ungeziefer, so lautet die Lehre der Fundamentalisten. Ahmed aber will einem Menschen genauso wenig etwas zu leide tun wie einem Insekt. Doch mit seinem hohen Glaubensanspruch wird er in die Falle gelockt. Updike hat im Hinblick auf den fünften Jahrestag der Anschläge vom 11. September einen Roman geschrieben, der die Augen öffnen will und zu verstehen versucht: wie Extremisten, die eher zufällig Muslime sind, sich der Opferbereitschaft besonders ernsthafter Glaubensbrüder bedienen. In seiner Versuchsanordnung ist es Updike noch leicht möglich, das Gute vom Bösen säuberlich zu scheiden. Die Realität ist anders. Das macht dieses Buch so besonders traurig.

John Updike: "Terrorist". Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 397 Seiten; 19,90 Euro.

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