Ein Bub beobachtet die Wagner-Götter

- Die Götter erwachen im "Rheingold" in einem Park - oder auf dem Dach eines Hochhauses. Wotan begegnet im zweiten "Walküre"-Akt sich selbst als Wanderer, und das am Rande einer Megastadt, wo ausrangierte Götterbilder von Christus über Apoll bis Marx und Engels herumliegen. Die Welt der Gibichungen in der "Götterdämmerung" ist ein Hotel.

Und alles wird beobachtet von "Hans", einem in der Partitur nicht vorgesehenen Buben, dem am Ende des "Ring des Nibelungen" der Goldstaub zwischen den Fingern zerrinnt.

So hatte sich das Tankred Dorst mit seiner Frau und Co-Regisseurin Ursula Ehlers gedacht. So steht es in ihren Notizen, die sie in ihrem Buch "Die Fußspur der Götter" herausgebracht haben. Eine bis zum heutigen Tag unter Verschluss gehaltene Schrift: Vor Beginn von Dorsts neuem Bayreuther "Ring des Nibelungen" darf nichts nach draußen dringen. Ob es wirklich so kommt, wie notiert, das wird sich ab der heutigen "Rheingold"-Premiere zeigen.

Nur eine Geheimniskrämerei à` la Bayreuth kann also ein solches Buch gebären. Die Anmerkungen von Dorst und Ehlers sind gewiss interessante Gedanken, lesen sich wie schön formulierte Absichtserklärungen und lassen viel vom Konzept erahnen: Die "Ring"-Götter werden mit unserer Realität konfrontieren. Mit einer gottlosen Wirklichkeit, in der sich aber mythische und mystische Sehnsüchte oder Relikte erhalten haben.

Dennoch: Es ist ein aufgeblähtes Buch. Manchmal prangen nur ganze sechs Zeilen auf den bibliophil gestalteten Seiten. Kostümentwürfe finden sich kaum, Bühnenbilder gar nicht. Und um das Werk aufzufüllen, nimmt das komplette "Ring"-Libretto fast die Hälfte des Bändchens ein. Ein Buch also, dass nur "funktioniert", so lange Dorsts "Ring" noch nicht gezeigt wurde. Nähere Informationen dürften sich ab Freitag in den Kritiken finden.

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