Berauschende Bilder

- Mit den Rockstars Tom Waits und Lou Reed hat er bereits zusammengearbeitet. Für sein neuestes Projekt, eine Inszenierung von Büchners Lustspiel "Leonce und Lena", wählte der texanische Regie-Ästhet Robert Wilson den Ruhrpott-Sänger Herbert Grönemeyer aus. Dieser sollte nicht nur Musik, sondern auch Texte zu den Songs schreiben. Das Experiment gelang auf wundervolle Weise: Die Premiere im Berliner Ensemble zeigte ein Feuerwerk an pointierten Ideen, Humor und eindrucksvollen Bildern.

<P>Zwar mutiert Büchners Stück des Öfteren zu einem Musical. Aber die Lieder - teils rockig, teils jazzig, sogar Volkslieder und Gospels sind dabei _ eröffnen neue Deutungsmöglichkeiten, erblühen im Spiel auf der Bühne und können die Absurditäten des Lebens bestens persiflieren. Es soll und kann gelacht werden über das Stück, das eine in Langeweile und Monotonie erstarrte und arbeitsscheue Gesellschaft karikiert.</P><P>Es wirkt wie ein übermütiges Spiel, das Wilson und Grönemeyer miteinander betreiben: Der Müßiggänger Valerio, der ein arbeitsfreies Leben propagiert, hält einen Finger in eine Weinflasche, aus der dumpf Jazz tönt. Immer, wenn er den Finger herausnimmt, wird die Musik laut. Als er die Flasche austrinkt, ist geradewegs zu hören, wie die Töne seine Kehle hinabfließen und dann auch wieder herauskommen. Valerio singt schließlich mit metallisch verzerrter Stimme wie ein Rock'n'Roll-Sänger in die Flasche und hebt die pseudoromantische Stimmung zwischen Leonce und Lena auf, die gerade dabei waren, sich ineinander zu verlieben.</P><P>Wie kaum anders zu erwarten, sind die Bilder, die Wilson produziert, von berauschender Schönheit. Beim Treffen von Rosetta und Leonce in einer Säulenhalle verändert eine Lichtwand im Hintergrund ihre Farben langsam von strahlendem Gelb über Grün bis zu dunklem Blau, so dass nur die Silhouetten zu erkennen sind. Dann fahren von oben 24 Metallstangen herab, an denen Teelichter befestigt sind, die entzündet werden und die Bühne festlich illuminieren. Großartig auch die expressionistisch gestaltete Landschaft, durch die die Protagonisten häufig wie Automaten oder Marionetten auf ihrer Suche nach Sinn und Liebe wandern.</P><P>Man spürt, den Schauspielern macht die Sache Spaß. Nina Hoss ist eine verträumte Lena, Markus Meyer ein zunächst arroganter, später romantisch entzündeter Leonce. Walter Schmidinger spielt herrlich selbstüberzogen Leonces Vater, König Peter. Überragend jedoch ist Stefan Kurt in der Rolle Valerios.</P>

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