Bereit für den Schleiertanz

Deborah Voigt im Gespräch: - Bei Strauss oder Wagner kann ihr kaum eine Kollegin gefährlich werden: Die amerikanische Sopranistin Deborah Voigt ist zu Gast bei den Münchner Philharmonikern.

Triumphgefühle könnte sie sich schon gönnen. Nach außen bleibt Deborah Voigt aber cool: "Covent Garden will mich in der nächsten Saison wieder als ,Ariadne’ haben", sagt die Star-Sopranistin lapidar. Dabei war das 2003 noch anders, als ihr das Londoner Opernhaus kurzerhand die Strauss-Oper entzog. Zu dick, befand man damals - und stieß eine internationale Debatte an: Wie viele Zentner darf ein Sänger eigentlich wiegen?

Heute spricht Deborah Voigt ganz selbstverständlich über das Problem. Immerhin präsentiert sie sich als "neue" Sängerin: Nach einer Magenverkleinerung wiegt sie über 60 Kilo weniger und wagt sich demnächst in Chicago sogar an die Salome - wobei noch offen ist, wie der Schleiertanz gestaltet wird. Ihre kritische Haltung hat sie sich aber bewahrt: "So wie heute über korpulente Menschen geredet wird, empfinde ich das als letzte Bastion der offenen Diskriminierung."

Deborah Voigt macht sich keine Illusionen über den Musikmarkt. "Wir leben eben im visuellen Zeitalter, da bleibt das Aussehen auf Dauer wichtig. Manchmal sogar wichtiger als die Stimme." Um ihren Sopran freilich musste sich die Amerikanerin noch nie sorgen. Diese vollsaftige, nie ausufernde oder forciert klingende, alles überstrahlende Stimme prädestiniert sie für Strauss, Wagner und das italienische Fach. Münchner Musikfans können sich davon jetzt überzeugen: Bei den Münchner Philharmonikern singt Deborah Voigt Strauss‘ "Vier letzte Lieder" und Isoldes "Liebestod". Christian Thielemann dirigiert, den die Sopranistin schon aus seinen Tagen an der Deutschen Oper Berlin kennt (Konzerte am 2., 3., 5. und 6. Juni, Philharmonie).

Vor allem bei Strauss vertraut man weltweit auf Deborah Voigt. "Der kommt meiner Stimme besonders entgegen, diese großen, breiten Linien." Am nächsten verwandt fühlt sich der Weltstar aber Wagners Sieglinde: "Sie ist eine starke Frau, voller Hoffnung, gerade das habe ich in den letzten Jahren benötigt." Dass sie einmal an der Met oder an der Wiener Staatsoper zuhause sein würde, war lange nicht klar. "Ich bin nicht mit dieser Musik aufgewachsen. Erst mit 19 bin ich das erste Mal in der Oper gewesen. Mit meiner Oma in San Diego. Es war nicht das übliche Einsteigerstück: Prokofjews ,Liebe zu den drei Orangen." Und dann verzieht Deborah Voig den Mund: "Ich fand‘s furchtbar."

Der Schock fürs Leben ist gottlob ausgeblieben, sonst würden sich heute nicht Opernhäuser und Konzertveranstalter um sie reißen. Nach mehreren Wettbewerben wurde Deborah Voigt förmlich in die Musikszene katapultiert. Vorsichtig wie sie ist, arbeitet sie trotzdem seit 16 Jahren mit ihrer Gesangslehrerin zusammen, der auch in München bekannten Sopranistin Ruth Falcon.

Das ständige Pendeln zwischen den Kontinenten ist für die Voigt mittlerweile Alltag. Und dabei macht sie sich schon mal Gedanken über die unterschiedlichen Musikszenen in den Vereinigten Staaten und Europa. "Auch wenn Oper in Europa entstanden ist, so gehen die Amerikaner doch anders damit um", konstatiert sie. "Oper wird bei uns einfach populärer, aufregender präsentiert. Deshalb wird sie von breiteren Bevölkerungsschichten akzeptiert. Und das tolle Ergebnis: Ich sehe in Amerika viel mehr junge Menschen in der Oper. Wir müssen dazu kommen, dass die Jungen diese Musik schlicht als Teil ihres normalen Lebens betrachten."

Merkwürdig nur, dass Deborah Voigt im Münchner Nationaltheater so gut wie nie auftaucht. Doch das, so orakelt sie, könnte sich schon bald ändern. Über "ein großes Projekt" werde derzeit gesprochen. Etwa der neue "Ring"? Aber für solche Fragen gibt‘s nur ein Lachen als Antwort. "Aus, Schluss, ich sage gar nichts mehr."

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