Was Berg wollte

- Konzertante Oper? Natürlich ist das für Liebhaber des Musiktheaters immer nur eine halbe Sache. Aber es gibt Werke, die ihre musikalische Fülle noch intensiver offenbaren, wenn keinerlei Szenerie ablenkt. Wagners "Parsifal" gehört - trotz Konwitschnys großartiger Münchner Inszenierung - dazu und Alban Bergs "Wozzeck" - seiner genialen Büchner-Grundlage zum Trotz - ebenfalls. Zumal Berg seine durchkomponierte Oper nach strengen symphonischen Strukturen konstruierte.

<P>Hochsensibel und flexibel: Daniel Harding</P><P>Unter Daniel Hardings leidenschaftlicher Leitung gelang dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal auch ohne Szenerie das, was Berg wollte: Das Publikum sollte von den "diversen Fugen und Inventionen, Suiten- und Sonatensätzen, Variationen und Passacaglien" nichts merken und vielmehr erfüllt sein "von der weit über das Einzelschicksal Wozzecks hinausgehenden Idee".<BR><BR>Dieses Postulat erfüllten der Dirigent, das Orchester und die Sänger, die, auf musikalisch sicherem Fundament, eine hohe emotionale Identifizierung wagen konnten. Aber es blieb nicht alles. In der Konzentration auf die Musik offenbarte diese Aufführung beeindruckend, wie stringent, wie dicht diese Partitur - eine der größten des 20. Jahrhunderts - ist. Dabei beschränkte sich Berg auf das Wesentliche, schrieb er doch, und das wurde an diesem Abend besonders deutlich, nur so viele Noten, als nötig sind. Ein komplexes Drama in knappen 90 Minuten.<BR>Auf die, trotz großer Besetzung, oft kammermusikalischen Szenen reagierten Harding und die BR-Symphoniker hochsensibel in der klanglichen Transparenz, in der Färbung, der rhythmischen Variabilität und der Intensität des Ausdrucks. Da rückten instrumentale Details der breit gefächerten Bläsercrew, der Harfe, des Cellos oder der Bratsche deutlich ins Licht, ohne dabei den straffen Spannungsbogen zu lockern. Auf engem Raum entfachte Harding (auch in den zuweilen atemraubenden Zwischenspielen) explodierende Crescendi, deutete Walzer-Eleganz, auch Komik an, gönnte der Musik ihre Sinnlichkeit und ließ ihren Schmerzensschrei zu.<BR><BR>Aufwühlende Interpretation<BR><BR>Angeführt wurde das rundum überzeugende Ensemble von Dietrich Henschel in der Titelrolle. Mit dunkel grundiertem Bariton, vorzüglich in der Diktion, steigerte er sich in die (auch mimisch) expressiv durchlittenen Qualen des Wozzeck, entwarf ein packendes Psychogramm des Ausweglosen. Solveig Kringelborn deckte mit üppigem, nuanciert eingesetzten Sopran alle Schattierungen der Marie auf. Torsten Hofmann bewährte sich mit charakteristisch hellem  Tenor in der heiklen Partie des Hauptmanns. Den fanatisch-zynischen Doktor stattete Friedemann Röhlig mit voluminösem, dunklem Bass aus, während Rudolf Schasching dem Tambourmajor tenorales Profil gab und Fredrika Brillembourg mit sinnlichen Mezzotönen der Margret nichts schuldig blieb.<BR><BR>Handwerksburschen (Tim Hennis, Dankwart Siegele), Narr (Andreas Schulist), Maries Knabe (Gregory Borlein) und die Chöre (BR-Chor und Kinderchor des Gärtnerplatztheaters, einstudiert von Udo Mehrpohl und Verena Sarre) rangierten auf dem anspruchsvollen Niveau dieser aufwühlenden, konzertanten "Wozzeck"-Interpretation. Starker Beifall.<BR></P>

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