In den Bergsee geblickt

- Er sticht hervor, obwohl er bisher nicht im Mittelpunkt stand. Er springt ins Auge, obwohl seine Figuren am Münchner Residenztheater weder die tragenden noch die berühmten, die Titelrollen, waren. Thomas Loibl spielt ungekünstelt, unprätentiös, fast zurückhaltend, aber nachhaltig. Gräbt sich mit seiner etwas nasalen Stimme ins Gedächtnis der Zuschauer, brennt sich mit seinem durchdringenden Blick, seiner erdschweren Beweglichkeit in Inszenierungen. In "Maß für Maß" spielt Loibl den Lucio, in "Hilda" den verunsicherten Ehemann Franck, in "Zero Hero" den zurückgebliebenen Kaspar. Ab morgen ist er in einer Titelrolle zu sehen: Der 34-Jährige spielt den Herzog Theodor von Gothland in der gleichnamigen Tragödie von Christian Dietrich Grabbe (1801-1836). Tina Lanik inszeniert.

<P>Grabbe, gescheiterter Schauspieler, halbherziger Jurist und, so sein Fürsprecher Heinrich Heine, "betrunkener Shakespeare", erzählt die wild-wirre Geschichte von Herzog Theodor, der verstrickt ist in Rache, Brudermord, Betrug und Verrat. Eine blutige Angelegenheit.<BR><BR>"In der Tat, dieses Stück fühlt sich an wie rohes Fleisch", sagt Loibl. "Für mich hat es etwas von Schwarzeis. Am Silser See habe ich das schon erlebt: Es fällt kein Schnee, aber der See friert in seiner Höhe von 1800 Metern zu. Eine fette Glasscheibe, meterdickes Eis, durch das man in die Tiefe des Bergsees blickt. Ein faszinierender Abgrund. Gleichzeitig spiegelt man sich darin."<BR><BR>Beim Lesen habe er immer wieder versucht, zwischen die Akte zu sehen, dort diesen so jungen Grabbe - er war gerade erst 21 - zu erblicken: "Was war sein Antrieb? Was für ein Herz hatte er? Bei dieser enormen Dunkelheit, die einem im Stück entgegenglüht?"<BR><BR>Besonders glaubwürdig wirkt dieser Gothland auf den ersten Blick nicht. Flugs lässt er sich zu irgendetwas überreden, vertreibt Schuldgefühle mit einer leichtfertig zusammengezimmerten Selbstgerechtigkeit. Was treibt diese Figur an? "Man muss sich vorstellen: Gothland ist zu seiner Zeit ein führender Kopf, er befindet sich in seinem Zenit, ist erfolgreich, vermögend, hat Familie. Er glaubt an den Zusammenhalt mit seinen Brüdern. Ein zufriedener, starker Geist mit viel Entschlusskraft. Aber dann wird ihm genommen, was er am meisten liebt. Er zweifelt, dass das sein kann, will es nicht begreifen. Die Verzweiflung, eine der stärksten Regungen, führt ihn immer tiefer hinab."<BR><BR>Bis zum Völkermord, der Absicht, 50 000 Finnen, die gegen ihn sind, abzuschlachten. "Das Gegenteil von Hass, Rache und Wut des Stücks ist die Liebe. Eine merkwürdige Beziehung ist der Kontakt Gothlands mit Berdoa, dem schwarzen Gegenspieler. Sie haben eine tiefe Kenntnis voneinander, sind miteinander verwoben."<BR><BR>Diesen von Grabbe "Neger" genannten Berdoa, den Intriganten des Stücks, spielt - eine Frau, Barbara Melzl. Der Aggressivität des Stücks, seiner Chuzpe, mutmaßt Loibl, komme die insgesamt eher junge Besetzung entgegen. Im Kontrast wiederum zu Richard Beek und Helmut Pick.<BR><BR>"Dass es die großen Älteren gibt, das ist ja das Besondere an unserem Ensemble." Loibl gehört ihm seit der Inszenierung "Parasiten" an, damals noch unter dem Dach der Münchner Kammerspiele. Nach der Schauspielschule in Bochum waren Düsseldorf, das Münchner Volkstheater, Zürich und schließlich Stuttgart Loibls Stationen. Dort traf er Regisseur Elmar Goerden, mit dem er nach München kam. <BR><BR>Thomas Loibl ist ein Schauspieler, für den nie eine Alternative in Frage kam: "Ich war zehn, als ich zum ersten Mal auf der Bühne stand. Meine Großmutter hatte mich nämlich in dem Dorf an der holländischen Grenze, wo ich aufwuchs, zum Laienschauspiel mitgenommen." Vielleicht gibt das die Gelassenheit, mit der Loibl sagt: "Man wächst mit den Aufgaben. Ich hoffe, diesen Gothland knacken zu können."<BR><BR></P><P> </P><P> </P>

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