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Berlin: So wild war der Tanz auf dem Vulkan

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Von: Michael Schleicher

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Blick auf den Berliner Alexanderplatz.
Berlin, hier der Alexanderplatz, war das pulsierende Zentrum der Zwanzigerjahre. © dpa

ARD-Serien wie „Babylon Berlin“ oder „Eldorado KaDeWe“ zeigen: Die Zwanzigerjahre sind beliebt. Yvan Goll hat 1929 über den Tanz auf dem Vulkan geschrieben. Sein Roman „Sodom und Berlin“ wurde jetzt wiederveröffentlicht.

Film ab für die Literatur, Vorhang auf für einen Roman, der 1929 erschienen ist – und nun (wieder-)entdeckt werden kann, werden sollte, ja: werden muss. „Sodom und Berlin“ von Yvan Goll (Manesse Verlag, 192 S.; 20 Euro) ist ein Buch, das die Zwanzigerjahre aus der Zeitgenossenschaft heraus porträtiert (Lesen Sie hier, wie es bei der ARD-Serie „Babylon Berlin“ weitergeht) und das zugleich zeigt, wie sich das Schreiben damals verändert hat, wie es modern wurde.

Berlin und die „Goldenen Zwanziger“

Das Kino, dessen Schnitttechnik und seine neue Art, Geschichten zu erzählen, beeinflussten Goll; es brauche eine „Kinosprache“, forderte er, und versuchte – wie andere Autoren auch –, diese zu entwickeln. Goll, ein überzeugter Pazifist, der vor dem Wehrdienst floh und zu Beginn des Ersten Weltkriegs in die Schweiz emigrierte, ist aber außerdem ein politischer Dichter, ein scharfer Analytiker und bitterer Satiriker. All das findet sich, konzentriert auf gut 160 Seiten, in „Sodom und Berlin“, einem klarsichtigen, herrlich komischen, brutalen, expliziten, grotesken und unterhaltsamen Werk.

„Sodom und Berlin“ sei wie ein Gemälde von Otto Dix

Das Buch lese sich „wie die literarische Fortschreibung eines Gemäldes von George Grosz oder Otto Dix“, wirbt der Manesse Verlag, dem diese Neuauflage zu verdanken ist. Das stimmt – und greift doch zu kurz. Goll war ein Grenzgänger, im Leben und in seinem Schaffen. Zur Welt kam er 1891 in den Vogesen, hörte zunächst auf den Namen Isaac Lang. „Durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als Deutscher bezeichnet“, wird er sich später einmal selbst charakterisieren. Das freilich war, bevor die Nazis ihn und seine Frau, die Schriftstellerin und Journalistin Claire Goll, ins Exil nach New York vertrieben hatten. Goll, der 1950 starb, schrieb unter zahlreichen Pseudonymen, auf Französisch ebenso mühelos wie auf Deutsch: Lyrik, Prosa, Journalistisches, Drehbücher, Manifeste.

Yvan Goll war vom Expressionismus geprägt

Künstlerischen Antrieb für sein Werk fand er zunächst im Expressionismus. Nach dem Ersten Weltkrieg stellte er jedoch enttäuscht fest, dieser sei „ein Kriegsschieber“. Gut zehn Jahre später wird er literarisch mit der Kunstrichtung abrechnen – und „Sodom und Berlin“ in durch und durch expressionistischem Stil schreiben.

Im Zentrum des Romans steht Odemar Müller, so wandelbar wie sein Autor. Ein Mann mit einem Allerwelts-Familiennamen – und einem Rufnamen, der anderes suggeriert. Müllers markantes Merkmal ist ein Schmiss, der ihm das Gesicht gespalten hat, „aus den fürstlichen Händen eines von Thurn und Taxis empfangen“. Diese Narbe wird dem Hansdampf als Türöffner in allen Gassen dienen. Goll entlarvt damit nebenbei Obrigkeitshörigkeit und die Vernarrtheit der Deutschen in Adelstitel. Seinen Müller schickt der Schriftsteller nun in das „sieche, eitrige“ Berlin, „Stadt des frostigen Wahnsinns, ausgebrochen in Finsternis und Kerkern“. In kurzen, schlaglichtartigen Kapiteln, die Goll wie im Film hart aneinander schneidet, begleitet er seine Figur durch die Hauptstadt und die Weimarer Republik. „Odemar hatte sämtliche Stadien vorübergehender, aber tiefgreifender Dekadenz hinter sich“, heißt es einmal. Ja, beinahe hätte er es sogar zum Mitglied in der Revolutionsregierung gebracht, sollte Volkskommissar fürs Gesundheitswesen werden.

Berliner Stadt- und Sittengemälde

Durch die rasante Montage entfaltet sich ein Stadt- und Sittengemälde, das tiefe Einblicke in die Zwanzigerjahre gestattet. Jene Dekade, in der das Jahrtausend zerbarst, wie der unlängst verstorbene Kritiker und Ex-Intendant Günther Rühle (1924-2021) in seinem „merkwürdigen Tagebuch“ schreibt: „Die alten politischen Reiche, die Kirchenmächte, Glaubenswelten waren zerbrochen, man suchte Bauteile für eine neue Welt.“ Müller ist mittendrin in dieser Suche, zwischen Revolution und Inflation, in Salons, bei Orgien und esoterischen Zirkeln, als Salonbolschewist und Spekulant. Wer davon heute liest, wird nicht nur gut unterhalten, sondern auch feststellen, wie hellsichtig Yvan Goll das Jahrzehnt, die Deutschen und vieles, was folgen sollte, porträtiert hat.

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