Berliner Politik und l'amour

- Die Jubel-Girlanden der Macher, die gönnerhaften Grußworte der Politiker zur Wiedereröffnung sind ja verständlich, zumal bei Letzteren Aufatmen zu ahnen ist. Denn: Berlin hat in schwerer Finanzkrise keinen neuen Musentempel erhalten - es ist einen losgeworden. Und zwar an die Stage Holding, seit dem Zusammenbruch von Stella d e r Musicalanbieter Deutschlands.

<P>Für 15 Jahre hat die Stage Holding das Theater des Westens gepachtet, hat dazu die Anteile des Senats an der GmbH erworben und das Haus für zehn Millionen Euro monatelang umgebaut. Das Ergebnis: Ein deutlich aufgehübschtes, prunkvolles Ambiente in Rotweiß (das im direkten Vergleich die Berliner Staatsoper zum Aschenputtel herabstuft), über 1600 Plätze - und eine Inszenierung, die für mindestens ein Jahr Besucherscharen an die Kantstraße unweit des Zoos locken soll.</P><P>Keine Experimente: "Les Misé´rables", das Revoluzzeropus mit Tränengarantie von Alan Boubil (Buch), Claude-Michel Schönberg (Musik) und einem gewissen Victor Hugo (Vorlage), haben schon geschätzte 50 Millionen Menschen in gut 200 Städten gesehen. Und zwar stets in der exakt gleichen Inszenierung von Trevor Nunn und John Caird, deren geklonte, von Heinz-Rudolph Kunze ins Deutsche übertragene Version nun auch in Berlin läuft.</P><P>Wer sich vorab mit der Handlung um Jean Valjean, Ex-Sträfling auf Bewährung, seine Ziehtochter Cosette, den polizeilichen Widersacher Javert und die alles umrahmenden Barrikadenkämpfe während der Pariser Revolutionswirren Anno 1832 vertraut machen will, kapituliert. Das Gemenge aus Politik und l'amour reicht locker für einen Wagner'schen Vierteiler, wird aber überraschend schlüssig, temporeich und mit enormer Professionalität in drei Stunden aufgerollt.</P><P>Die Show ist perfekt</P><P>Liebevoll designte Lumpen-Klamotten, die effektvoll ausgeleuchtete Szene, ein Bühnenbild, das sich sekundenschnell von der Barrikade zum Kanalsystem wandeln kann, dazu ein 25-köpfiges Orchester, das - dank ausgeklügelter Technik - symphonische Dimension vorgaukelt: Die Show ist perfekt. Auch die Darsteller (die Rollen sind mehrfach besetzt) glänzen durch respektables Niveau, einzig die musikalische Substanz bleibt anfangs dünn: Motiv-Montagen aus dem Melodie-Zettelkasten, kein einziger Ohrwurm, die großen, heftig bejubelten Soli folgen nach der Pause, der abschließende, aufrüttelnde Marsch reißt das Auditorium - nach verstohlenem Schniefen - gar von den Sitzen.</P><P>Ein Happy End also fürs gefährdete Theater des Westens? Nur so lange sich die Stage Holding über Wasser halten kann, so lange die Nachfrage nach Musicals von der Stange anhält, so lange also der Senat nicht doch wieder einspringen muss. Aber anders als in Städten mit begrenztem Charme (man denke an Bochum) kann das Theater des Westens mit Tradition, Ambiente und Metropolenflair punkten. Und erweist sich damit als nächster Verwandter des Deutschen Theaters in München: Könnte doch sein, dass solch Einheitskost auch an der Schwanthalerstraße funktioniert.</P><P>Karten und Informationen unter 030/ 31 90 30 oder www.stageholding.de<BR></P>

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