Bernard-Henri Lé´vys große Sartre-Biografie

- München - "Sartre ist eine Romanfigur. Ein Held, wie ihn Dostojewski hätte erfinden können." Und so hat Bernard-Henri Lé´vy die Chronik dieses gewaltigen Lebens aus den Angeln gehoben und seine Biografie "Sartre" mit dem letzten Geleit beginnen lassen. Sartres Beerdigung war der abschließende große Auftritt der 68er. Doch an jenen Apriltag 1980 wurde auf dem Friedhof Montparnasse nicht nur eine Geistesgröße zu Grabe getragen, sondern auch das immense Projekt des Existenzialismus und der radikalen Freiheit, das er ins Leben gerufen hatte. Als Lé´vy Anfang der 90er-Jahre in Sarajewo mit Intellektuellen zusammentraf, die in einem Keller der belagerten Hauptstadt Sartres "Fragen der Methode" diskutierten, wurde er stutzig. "Sartre-Anhänger im Bombenhagel, Sartre lesen, um nicht zu sterben?" Und spürte: Die Zeit war gekommen für eine kritische Revision.

<P>Lé´vy, geboren 1948 in Algerien, ist ein intellektueller, noch dazu äußerst telegener Tausendsassa. Er veröffentlichte Essays, Romane, Theaterstücke. Er dreht Filme, schreibt Reportagen und trägt die Verantwortung für manchen Debattenwirbel in Frankreich. Heute leitet er als einer der Direktoren das Pariser Verlagshaus Grasset. Seine Biografie und die Kraftlinien seines politischen Engagements machen ihn selbst zu einer Art "totalen Intellektuellen", als den er Sartre so treffend bezeichnet. Das Kräfteverhältnis zwischen dem Autor und seinem Sujet darf man getrost als ein ausgeglichenes bezeichnen. Entstanden ist ein leidenschaftliches Jahrhundert-Epos, das das Gesamtkunstwerk mit Namen Sartre noch einmal an den Stromkreis einer erloschenen Epoche anschließt.</P><P>Aufmerken lässt dabei die eingestandene Beschämung des Biografen vor der Ungerechtigkeit, die dem Mann im Laufe der Rezeptionsphasen widerfahren ist. Lé´vy selbst gehörte zu den Denkmalsstürmern, die mit ihrem antitotalitären Aufklärungsfuror und unter dem Banner der "Neuen Philosophie" Ende der 70er-Jahre Sartres politisches Denken in Frage und damit in die Serie kapitaler Jahrhundertirrtümer stellten. Aus dem zeitlichen Abstand heraus legt Lé´vy verschiedene Verständnisperspektiven an, die immer wieder im Gegenstand zusammenlaufen und nicht etwa in einer distanzlosen Subjektivität.</P><P>Und man darf wohl ohne Übertreibung sagen, dass ihm damit die weitest gespannte biografische, philosophische, psychologische und literarhistorische Unternehmung der Jahrtausendwende gelungen ist. Man stellt fest: Auch wenn man selbst nur mit einzelnen Bausteinen aus dem großen Sartre'schen Lebenswerk enger vertraut ist, durch die lose Fusion aller Register entwickelt Lé´vy eine neue Anwendungsform des biografischen Genres. Seine emphatische, empiriegesättigte Erzählung ist nicht etwa die Light-Version eines gewichtigen Lebens. Eher ein offenes System, in das sich der Leser an jedem beliebigen Punkt einklinken kann.</P><P>In Frankreich erschien dieser groß angelegte Report unter dem treffenden Titel "Le siè`cle de Sartre". Und in der Tat werden am Beispiel Sartres die großen Grundfragen des Jahrhunderts durchgespielt. Die Frage des Kommunismus, die Frage des Faschismus, die Frage des Widerstands. Die Frage der persönlichen Freiheit, die der Revolte und die der Liebe. Wer glaubt, ihm fehle die Zeit dieses wahnhafte Werk von Anfang bis Ende zu lesen, der blättere das Kapitel "Was ist ein Ungeheuer? (Biografische Krümel)" auf. Vielleicht riskiert man dabei, die schönsten Geschichten und lässigsten Gedanken zuerst gelesen zu haben. Aber diese Gefahr ist umso vieles geringer als die Wahrscheinlichkeit, danach das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu können. Auf diesen Seiten begegnet man dem großen Verführer, der sich dem introspektiven Taumel verwehrte. Der sich mit Amphetaminen aufputschte, um seiner eigenen Theorie der Vollauslastung standzuhalten. Man begegnet dem monströsen Schreibungeheuer. Und dem größten Feind seines Denkens: "der schändlichen Treue zu sich selbst". Bruchstücke, die im Keim alles enthalten, was andernorts tief greifender erörtert wird. Etwa unter so sprechenden Zwischentiteln wie "Anmerkung zum Problem Vichy: Sartre im Widerstand", "Kurze Bemerkung zu Sartres Hässlichkeit" (sehr lesenswert) oder "Weshalb es trotzdem besser ist, mit Sartre zu irren, als mit Camus recht zu haben".</P><P>"Sartre fehlt uns schmerzlich", bekannte vor vier Jahren das "Magazine litté´raire". "Der Sockel, auf dem das Denkmal des kleines Mannes stand, ist schrecklich leer." Vor zwei Jahren, pünktlich zum 20. Todestag des Philosophen, errichte Lé´vy wieder ein Denkmal für den exzentrischen Marxisten. Auf Augenhöhe. Die Franzosen dankten für die Grablegung seiner Irrtümer mit Beifall. Ob es auch in Deutschland wieder möglich sein wird, Sartre zu lieben?</P><P> </P>

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