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„Im Aufklären und Aufdecken übernimmt unser Sektor eine Vorreiterrolle“, sagt Bernd Redmann (54), seit 2014 Präsident der Musikhochschule. 

Bernd Redmann zum #MeToo-Skandal der Musikhochschule: „Wir haken das Thema nicht ab“

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Mit der Verurteilung von Siegfried Mauser ist die Affäre für Bernd Redmann, Präsident der Münchner Musikhochschule, noch nicht abgeschlossen. Ein Interview über Machtmissbrauch, Domingo und den #MeToo-Aktionstag seines Hauses.

München - Dass Siegfried Mauser, der frühere Präsident der Münchner Musikhochschule, wegen sexueller Nötigung ins Gefängnis muss, hat gerade der Bundesgerichtshof bestätigt. Mit einem einstimmigen Votum der anwesenden Mitglieder hat die Bayerische Akademie der schönen Künste zudem und sehr spät ein Ausschlussverfahren gegen ihn beantragt. Bernd Redmann, Mausers Nachfolger an der Musikhochschule, hat sich zusammen mit anderen Vertretern des Lehrkörpers an eine groß angelegte Aufarbeitung gemacht – und unter anderem einen Aktionstag organisieren lassen (siehe unten).

Ist Ihr Aktionstag eine Art Flucht nach vorn?

Redmann: Es gibt an unserem Haus einen Aufarbeitungsprozess, der sich in den vergangenen drei Jahren stetig entwickelt hat. Der geplante Aktionstag ist also keine Einzelaktion, sondern in zahlreiche Maßnahmen eingebettet. Nach Möglichkeit soll er künftig in Zusammenarbeit mit den anderen Münchner Kunsthochschulen jährlich stattfinden. Darüber hinaus planen wir zum Beispiel weitere Fortbildungsmaßnahmen und Workshops.

Herrscht mit der Verurteilung Ihres Vorgängers nun Erleichterung in der Musikhochschule?

Redmann: Wir haben jetzt, nach all den aufgewühlten, turbulenten Zeiten, eine Klärung. Insofern bedeutet das eine Erleichterung, weil nun hoffentlich ruhigere Zeiten anbrechen und ein Kapitel abgeschlossen ist. Wir werden dieses Thema aber nicht abhaken und vergessen, sondern, was die Struktur der Hochschule und die interne Kommunikation betrifft, daran weiterarbeiten.

Der Begriff Einzeltäter führt, egal wo, in die Irre. Diese Menschen agieren nie im luftleeren Raum, sie haben immer ein wissendes, begünstigendes Milieu. Handelt es sich wirklich nur um einen Fall Siegfried Mauser?

Redmann: In den vergangenen Jahren hat sich an unserer Hochschule viel gewandelt. Es gibt einen großen Generationswechsel bei den Lehrenden. Es gibt außerdem einen Kulturwandel in der Lehre, der sich nicht nur auf unser Haus beschränkt, und einen Prozess der Selbsthinterfragung. Diesen Prozess begleiten und steuern wir von der Hochschulleitung aus offen und transparent. Ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen – aber zumindest wir haben einiges in Gang gesetzt.

Durch den Prozess gegen Mauser stand und steht die Musikhochschule in einer öffentlichen Debatte. Fühlen Sie sich als Institution auch beschmutzt?

Redmann: Es tut natürlich weh, dass wir von vielen erst in diesem Kontext wahrgenommen wurden. Wir ringen darum, unsere Hochschule wieder in ein besseres Licht zu bringen. Hier passiert schließlich eine großartige, erfolgreiche Ausbildungsarbeit. Bei den Themen Machtmissbrauch, Diskriminierung oder Prävention gegen übergriffiges Verhalten haben wir ernsthafte Schritte unternommen und wollen dies in der Öffentlichkeit auch darstellen.

Wie kommt es, dass bei diesen Themen der kulturelle Sektor – man nehme nur den Fall Domingo – der gesellschaftlichen Entwicklung hinterherzuhinken scheint?

Redmann: Ich weiß gar nicht, ob das so stimmt. Ich glaube, dass unser Sektor zurzeit eine Vorreiterrolle im Aufklären und Aufdecken übernimmt. Anderen gilt keine so große Aufmerksamkeit, weil es sich dort nicht um Stars dreht. Es mag wirklich sein, dass die Kulturszene anfälliger war und ist für unkontrollierte Machtverhältnisse – Stichwort Intendanten- und Dirigentenmacht. Die aktuelle heftige und zum Teil überspitzte Diskussion in der Kulturwelt könnte paradigmatisch werden für die ganze Gesellschaft. Ich kann noch nicht feststellen, dass diese Debatte auch im Bereich der Wirtschaft so offensiv geführt wird.

Nun steht noch der Prozess gegen Hans-Jürgen von Bose an, einen ehemaligen Professor Ihrer Hochschule, ihm wird unter anderem Vergewaltigung vorgeworfen. Geht nun alles, was das öffentliche Kreuzfeuer betrifft, wieder von vorn los?

Redmann: Das kann sein, das haben wir nicht in der Hand. Nach allem, was ich heute weiß, ist dies aber der zweite und letzte Fall. Ich hoffe, dass wir uns jetzt auf die Zukunft unserer Hochschule und damit auf die Zukunft unserer Studierenden konzentrieren können.


#MeToo-Aktionstag der Kunsthochschulen:
Wertschätzung, Empathie und angemessene Distanz: Was selbstverständlich ist, wurde nicht nur an der Münchner Musikhochschule missachtet. Deshalb gibt es am 19. November einen Aktionstag mit dem Titel „Respekt!“ Dieser richtet sich in erster Linie an Studenten, Lehrende und Verwaltungsangestellte. Angeboten werden Vorträge, Workshops, Gesprächsrunden und ein musikalischer Beitrag. Letzterer beschäftigt sich unter dem Motto „Gern hab’ ich die Frau’n geküsst“ mit politisch Inkorrektem in Oper, Operette und Lied. Initiiert wurde der Tag unter anderem von den Professorinnen Christiane Iven und Christine Schornsheim. Bei einer einmaligen Aktion soll es aber nicht bleiben. Künftig wird ein solcher Tag jährlich stattfinden, organisiert jedes Mal von einer anderen Münchner Kunsthochschule. Informationen unter https://website.musikhochschule-muenchen.de.

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