+
Blick in die Säulenhalle Stoa 169 mit Werken von Künstlern aus aller Welt.

Große Kunst auf dem Land

Die Welt unter einem Dach

  • Simone Dattenberger
    vonSimone Dattenberger
    schließen

Bernd Zimmers Kunst-Säulen-Projekt Stoa 169 in Polling bei Weilheim kann ab 15. September  erkundet werden - mitten in der Natur am Ufer der Ammer.

Bernd Zimmer bei der von ihm bemalten Säule.

Der drahtige Mann mit schneeweißen Haaren trägt – vertikal – eine riesige Leiter herbei, als wär’s nichts. Und bevor die Besucherin zweimal geblinzelt hat, steht er auf einer der obersten Sprossen und bessert geschwind und akkurat eine Fehlstelle aus an Mimmo Paladinos (Italien) Säule, deren schwarze Trommeln und weiße Linien gemäßigt torkeln wie ein geübter Trinker. Die Macke ganz oben fast unter dem Dach hätte nie ein Besucher dieser Säulenhalle je entdecken können. Und schon sind wir bei zwei zentralen Punkten: dem Maler Bernd Zimmer (72) und seinem Säulen-Projekt Stoa 169 bei Polling, unweit Weilheim.

Der Mann ist zwar Bayer, mit dem bairischen Stoa hat seine Idee indes eher wenig zu tun, obwohl sich einige Stoana, ob als Kiesel, ob als Reliefmaterial, in seiner Stoa finden lassen. Die altgriechische Wandelhalle Stoa, die einer philosophischen Richtung (Kosmos – Mensch – Vernunft) den Namen gab, traf bei Zimmer auf den Eindruck, den südindische Tempel bereits vor rund 30 Jahren bei ihm hinterlassen hatten. Die Vielfalt der Säulen faszinierten den Künstler, den die Szene damals zu den Jungen Wilden zählte. So etwas, das die Vielfalt, die Kunst und deren weltweites Wechselspiel feiert, wollte er in seiner Heimat etablieren. „Das ist unser Bildungsauftrag“, sagt der Stoa-Vater sanft strahlend. Dann: „Aber nein, wir haben keinen Auftrag!“

Die Säulenhalle ist eingebettet in die Natur.

Wie dem auch sei, Bernd Zimmer hat ihn erfüllt. Auch gegen Widerstände aus dem Ort, die jetzt kaum mehr zu hören seien, erklärt Projektsprecher Gerald Meier. Selbst Skeptiker würden sich nun über die Kunstwerke freuen. Kein Wunder, denn der erste Bauabschnitt ist bis auf Kleinigkeiten fertig. Die Halle, die keine Wände hat, kann ab kommenden Dienstag besichtigt werden. Und die meisten der 121 Säulen sind fertig, um bestaunt zu werden. Nur diejenigen, die die Diagonale markieren, werden in den nächsten Jahren sukzessive von Kunststudenten gestaltet. Der Pfeiler der Münchner Klasse Rosenkranz ist schon zu sehen, eine rätselhafte Gitterkonstruktion; 2021 wird die Kunsthochschule in Chicago folgen.

Während man diese transparente „Tonne“ noch begrübelt, telefoniert Zimmer mit Kollegin  Karin Kneffel. Ihr Gemälde in raffinierten Grün-Braun-Tönen mit Blubberblasen ist am Vortag um den Säulenschaft gelegt worden. „Die Stoßkanten müssen noch übermalt werden“, spricht der Maler ins Handy. Und beruhigend zur Berichterstatterin – obwohl die nicht besorgt ist: „Sie hat die Farben, das klappt morgen.“ Mit Sicherheit, denn Zimmer hat alles, wirklich alles im Blick. Und einem wird klar, dass das, was eine Sisyphosarbeit sein muss, für ihn eben keine ist. Mit Grinsen: „Das hat mir keiner zugetraut.“

Kwame Akoto-Bamfo aus Ghana erinnert an die Sklaverei.

Wem traut man schon so eine Realisierung zu? Künstler aus aller Welt dazu bewegen mitzumachen, sich mit der Säulenform auseinanderzusetzen, eine/einer unter vielen zu sein ohne jeglichen Vorzugsplatz fürs Werk, das obendrein Wind und Wetter ausgesetzt ist. Behörden und Nachbarn im Dorf, Geldgeber (besonders die Art Mentor Foundation Lucerne und der Kulturfonds Bayern) und Naturschützer sowie Handwerker und die Öffentlichkeit überzeugen. Im Verlauf der langen Planung und Wiederplanung ist das Grund-Quadrat – „vom Menschen entwickelte Vollkommenheit“ – von 13 auf 13 Meter (169 Säulen) auf elf mal elf Meter (121 Säulen) geschrumpft. Es musste also weniger von der Wiese an der Ammerschleife bebaut werden. Außerdem gibt es offene Quadrate im Dach und im Boden. „Der Bau ist durchlässig“, freut sich Zimmer, „das ist doch ein Pantheon-Feeling“.

Dabei hat’s der Maler nicht mit den Göttern, sondern mit den Menschen: „Damit bedanke ich mich bei der Welt“, sagt er und zieht einen zu einer bestimmten Säule. Sie ist ganz unauffällig, lediglich von Namen übersät. „Das ist die Zivilgesellschaft. Jochen Gerz hat all die Namen der Menschen verzeichnet, die bei Stoa geholfen haben, vom Baggerfahrer bis zur Künstlerin.“ Nicht weit davon entfernt ein Pfeiler voll von glänzendem Stahlgeschirr. Der Inder Subodh Gupta, 1964 geboren, war als Kind von den „modernen“ Gegenständen begeistert. Er erschuf mit diesen banalen Objekten für Stoa ein vorwitzig-protzig in Gold und Silber schimmerndes vasenartiges Ding. Mit Gedanken an Heimat und Kindheit hat Margaret Baragurra aus Australien auch zu tun. Ihre blau, rot, weiß bemalte Strebe zitiert mit Tüpfel-Malweise die Religion/Kunst der westaustralischen Ureinwohner. „Kaljarri“ ist ein – für uns nicht lesbares – Landschaftsgemälde des Wüstenlandstrichs nach dem Regen; passt also bestens in die Wiesen Bayerns.

Margaret Baragurras malt in der  traditionellen Manier der westaustralischen Ureinwohner.

Schon allein diese drei Arbeiten geben eine Vorstellung von der Bandbreite der Werke. Die Materialien reichen von Ölfarbe und Fotografie über Holz – gern als ganzer Baumstamm –, Glas, Keramik, Metall, Knochen, Kunststoff, Stein, Lehm, Gips, Mosaik, Hanf, Verputz, Elektrodraht, Papier bis zu Ziegel. Naturgemäß herrscht in der Halle das Skulpturale vor. Da schwingt die Ziegelsäule (Jan Svenungsson, Schweden) in den Hüften wie eine Hula-Hoop-Tänzerin. Yorgos Sapountzis (Griechenland) zeigt schnödes Rohbau-Schlamassel, während Bayer Nikolaus Lang den im 19. Jahrhundert von Brasilien nach Bayern verschleppten Indianerkindern Miranha und Juri ein Denkmal setzt.

Fürs Dreidimensionale werden auch Fundstücke verwendet. In Kirgistan spielt man Chuko, und zwar mit dem Kniegelenk von Kühen. Für Polling hat deswegen ein Murnauer Metzger Knochen gesammelt, die Shaarbek Amankul zum Säulenschaft vereinigt hat; was unweigerlich an unser eigenes Rückgrat erinnert. Weniger natürlich sind die Massen an Plastikflaschen des US-Amerikaners Willie Cole, der in seiner Flaschenpost Madonnenbildchen nach Polling (Kloster!) transportiert hat. Und der Schweizer Roman Signer lässt einfach ein Kajak den steilen Aufstieg üben. „Da ist doch für jeden was dabei“, fragt Bernd Zimmer, und man muss ihm zustimmen. Das Publikum kann schmunzeln bei Erwin Wurms geliebter Gurke (Österreich), kann sich mit einem Tiki von Maheatete Huhina in die Südsee träumen, kann mit Zimmers Gemälde ins All fliegen oder mit Hannsjörg Voths Stampflehm einen uralten Baustoff kennenlernen, der zurzeit wieder angesagt ist.

Bernd Zimmer ist die Halle der Kunst-Demokratie wunderbar heiter gelungen, obwohl die „Platten“-Architektur des Gebäudes selbst fad ist. Wandeln Besucherinnen und Besucher aber durch den buntscheckigen Säulenwald, ist das vergessen. Großmeisterin Katharina Sieverding gibt mit ihrer Schriftsäule die besten Denkanstöße: „Jede Erklärung ist eine Hypothese“. Das ist auch der beste Tipp, wie man sich diesem ländlich-globalen Gesamtkunstwerk nähern sollte: ganz entspannt. Schließlich ist uns allen die zentrale Säule gewidmet – sie ist ein Spiegel.

Die Halle Stoa 169

an der Ammer bei Polling (nahe Weilheim) ist ab 15. September zugänglich; sie ist nur zu Fuß – hübscher Spaziergang – zu erreichen (beschilderter Weg); für Radler ist die Gegend ideal; bei der Anlage gibt es eine gute, bebilderte Broschüre; weitere Informationen unter stoa169.com.


„Tikimania“: Die Schau im Münchner Museum Fünf Kontinente mit Gemälden von Bernd Zimmer und Tikis, Südsee-Skulpturen, läuft noch bis 21. Februar 2021, Di.-So. 9.30-17.30 Uhr.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Streaming-Champions: So beliebt sind Rammstein im Ausland
Streaming-Champions: So beliebt sind Rammstein im Ausland
Hubert von Goisern legt seinen ersten Roman vor
Hubert von Goisern legt seinen ersten Roman vor
Hubert von Goisern: „Ich suche Ausnahmezustände“
Hubert von Goisern: „Ich suche Ausnahmezustände“
Igor Levit mit Beethoven: Da kommt noch was
Igor Levit mit Beethoven: Da kommt noch was

Kommentare