Merkur-Interview mit Bernhard Maaz

Aus dem Umbruch wird ein Aufbruch

München - Bernhard Maaz, der neue Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, über seine Zielsetzungen.

Bernhard Maaz, Jahrgang 1961, hat die viel beschworenen 100 Tage in seinem neuen Amt fast erreicht, die einen ersten tiefen Einblick erlauben. Er ist Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, zuständig für Alte sowie Neue Pinakothek und die Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne (PDM). Er muss aber auch ein Auge auf die Münchner Schack-Galerie an der Prinzregentenstraße und auf zwölf Zweigmuseen in ganz Bayern haben; das Brandhorst-Museum darf er ebenfalls nicht außer Acht lassen. Zudem läuft gerade eine Sanierung der Alten Pinakothek, und es steht die umfassende Renovierung der Neuen an. Maaz kam von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, in denen er für die Gemäldegalerie Alte Meister und das Kupferstichkabinett zuständig war.

Fast drei Monate im Amt – wie ist Ihr aktueller Eindruck?

Der wichtigste Eindruck ist, dass wir eine kleine, wunderbare Mannschaft haben, mit der das ganze Gefüge der Pinakotheken und Filialgalerien enthusiastisch betrieben wird. Es ist ganz viel Liebe zur Sache zu spüren, ganz viel Sachkompetenz, eine ganz hohe Sorgfalt, ein ganz tiefes Verständnis für die Schätze, die uns anvertraut sind, und für die Wichtigkeit konservatorischer, restauratorischer Aspekte – und ein Verständnis für die Vermittlung an alle Zielgruppen. Es ist also ein mit hohem Druck operierendes Museum, bei dem alle wissen, welche Chance in dieser Verantwortlichkeit steckt und welche Pflichten uns auferlegt sind; und wir nehmen diese Pflichten gerne wahr.

„Hoher Druck“ – meinen Sie damit auch, dass es zu wenig Personal gibt, dass die Arbeit an Selbstausbeutung grenzt?

Das trifft ja auf alle Museen zu, dass wir mehr geben, als wir an Lohn empfangen. Wir bekommen einen Bonus, dass ist die Zufriedenheit und die Freude an der Kunst. Natürlich kann man sagen, dass es personelle Engpässe gibt. Das muss man sorgfältig bewerten, justieren und die Zahl und den Charakter der Projekte darauf abstimmen.

Bei Ihrer Vorstellung in München im April brachten Sie eine andere Hängung für die Alte Pinakothek ins Gespräch: nicht mehr nach altdeutscher, italienischer, etc. Malerei geordnet.

Dass in der Alten Pinakothek im Moment die „Neuen Nachbarschaften“ (wegen der Sanierung thematisch kombinierte Ausstellungen, Anm. d. Red.) hängen, ist nicht mir zuzuschreiben. Das ist das Konzept der Kuratoren, das sie entwickelt haben, bevor ich hier war. Das ist außerordentlich lehrreich. Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie die Bezüge über Länder-, über Schulgrenzen hinweg überzeugend funktionieren.

Aus der Not geboren – wegen der Teilschließung.

Aber  das Schönste ist, dass aus solch einer Umbruchssituation ein Aufbruch geschieht. Wir haben in der Alten Pinakothek noch bis 2018 zu bauen. Bis dahin werden wir immer wieder rangieren müssen. Das heißt, die Hängung, die wir danach entwickeln, ist heute noch nicht Thema. Jetzt geht das Bauen vor. Wo eine Baustelle ist, gibt es Wasser, da gibt es Risiken. Das ist nun die wichtigste Aufgabe, dort ohne Schäden durchzukommen.

So wie uns auch die Filialen von Augsburg, Aschaffenburg, über Bamberg und Bayreuth bis Würzburg beschäftigen. Würzburg wird jetzt beräumt, der Plan für die gründliche Renovierung steht. Die Gemälde sind herausgenommen und in München. Sie müssen mit Aufwand, Liebe und Sorgfalt durchgesehen, gereinigt, gefestigt werden. Das sind ja Felder, die Konservatoren der Alten Pinakothek mitbetreuen, denn wir haben für die Filialen kein extra Personal am Ort. Das ist eine Aufgabe, die unmittelbar hinter der Alten Pinakothek steht, wie die Schack-Galerie hinter der Neuen Pinakothek.

Sie sagten bei der Amtseinführung, dass Sie die Neue Pinakothek während der Schließung unbedingt im Bewusstsein der Öffentlichkeit lebendig halten wollen.

Wir haben in den Monaten, seitdem ich da bin, die Architektenausschreibung finalisiert. Die liegt beim Bauamt und wird nun rausgehen. Nächste Schritte sind sehr intensive Gespräche um die Frage, wohin mit den Depotbeständen, mit dem wissenschaftlichen Personal, dem Doerner-Institut, was naturwissenschaftliche Untersuchungsgeräte enthält, und mit der Zentralverwaltung? Wohin können wir in den drei, vier Jahren Bauzeit? Wir können mit drei Jahren Bauzeit auskommen, wenn nicht irgendwelche Ereignisse dazwischengeraten. Ein Jahr Beräumung vorweg müssen wir rechnen. Die derzeitige Situation im Bereich der staatlichen Immobilien in Bayern ist nicht so, dass erkennbar wäre, wo wir uns etablieren könnten. Wichtig wäre, dass alles im Verbund an einen Ort ginge, weil die Arbeitsabläufe damit garantiert würden. Hinter dieser Gesamtaussiedelung steht die Frage: Wohin gehen wir mit der Schausammlung? Man muss bei den anstehenden Planungserörterungen die Prioritäten ganz klar hierarchisieren. Es wird sich für die Bilder der Neuen Pinakothek ein Ort finden, wenn wir erst einmal wissen, wo der Rest unterschlüpft. Der Flächenbedarf ist nun grosso modo definiert, also ein weiterer Baustein für die Planung.

Wie viel Platz brauchen Sie denn?

Das sind viele Tausende von Quadratmetern. Man benötigt außerdem Sicherheitsstandards und die richtigen klimatischen Bedingungen. Und Flächen, die es ermöglichen, den Museumsbetrieb in einer gewissen Organisiertheit weiter zu betreiben.

Was sind die Forderungen an den Architekten?

Ein Kerngedanke ist, eine technische Ertüchtigung zu leisten in einem Gebäude, das zwar nicht denkmalgeschützt ist qua Gesetz, das wir aber eindeutig als ein denkmalwürdiges Gebäude verstehen. Denkmalwürdigkeit billigt man einem solchen Gebäude zu, weil Rundgang sowie Lichtführung so klug und in gewisserweise singulär sind. Die äußere Gestalt soll so weit wie irgend möglich erhalten bleiben. Hier werden Architekten angesprochen, die sich bewusst sind, dass es nicht um eine radikale Überformung der Neuen Pinakothek geht. Wir müssen darauf achten, dass die einigen Dutzend Millionen Euro einem Architekten anvertraut werden, der sich in vergleichbaren Größenordnungen bewiesen hat.

Aber Sie wollen Werke weiterhin zeigen?

Ja. Einerseits: Wir hatten so viele Havarien – Wassereinbrüche und Ähnliches – , dass wir sofort mit der Sanierung beginnen sollten. Andererseits müssen wir einen Weg finden, mit einigen Bildern, mit Hauptwerken präsent zu bleiben – in einem der Münchner Innenstadthäuser. Ich lebe in der Hoffnung, dass wir Ende 2017 mit dem Bau beginnen.

Frage an den Mann der Kunst Alter Meister: Wie gehen Sie mit dieser in ihrem Wert oft geprüften Kunst im Rücken auf die aktuelle Kunst zu?

(Maaz holt Kataloge aus dem Regal:) Ich habe in Dresden jedes Jahr einen Künstler eingeladen, mit unseren Beständen zu arbeiten. Wir haben jetzt das Jubiläum 50 Jahre PIN (der Verein unterstützt die PDM, Anm. d. Red.) vor uns, und selbstverständlich habe ich am Katalog mitgeschrieben. Ich verstehe meine Aufgabe vor allem so, dass ich mit den Kuratoren erörtere, wohin die Reise gehen soll. Die mediale Erweiterung halte ich für sehr, sehr wichtig. Unsere Sammlungsstrategien  haben  wir  in einem internen Papier festgelegt. Wir werden nicht alles sammeln, sondern Schwerpunkte setzen. Wir haben nicht so viele Erwerbungsmittel,  dass wir in die Breite gehen könnten. Und wir werden mit Sammlern im Gespräch bleiben. Das  ist für uns in München eine echte Perspektive,  weil es hier kunstliebende Sammler zuhauf gibt.

Sie haben es jetzt gewagt, Arbeiten zu zeigen, die den Nazis gefielen. Ihr Haus beherbergt eine Masse an derartigen Objekten. Wie sieht Ihre Zielsetzung für die Problemfälle aus?

Oliver Kase (zuständiger Sammlungsleiter, Anm. d. Red.) und ich haben uns abgestimmt, dass man damit kritisch und konstruktiv umgehen wird. Wir werden niemals einen Saal mit Nazi-Kunst füllen. Dazu  ist sie zu schlecht, zu dürftig. Wir werden uns jedoch dem Diskurs nicht verweigern.

Und auf die Zukunft gesehen – was macht man mit solch einem Bestand?

Auch andere haben Riesenbestände dieser Art, etwa das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin. Dort ist er eben im Sinne einer Dokumentationspflicht vorhanden. Es gibt keinen Grund, diese Bilder abzustoßen, im Gegenteil. Wir würden Geschichte verlieren. Es sind gerade einige Bronzen aufgetaucht. Da stellt sich die Frage, in welches Museum sie gelangen sollten? Sie gehören ins DHM; wir würden dafür nicht die Hand heben. Wir haben die Pflicht, diese Arbeiten zur Auseinandersetzung mit ideologisch überformter Kunst parat zu halten. Der Kanon der Kunstgeschichte wird sich sicher immer wieder umschreiben, aber jene Kunst ist nicht verdächtig, jemals dahin aufzurücken. (Schmunzelt.)

Die andere Seite dieser „Kunst“ ist Raubkunst. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Man kann es nicht besser handhaben, als es bei uns getan wird: indem man ein langjähriges Projekt hat, die Provenienzen zu klären.

Viele Menschen machen sich keine Vorstellung, wie langwierig diese Forschung ist.

Das ist ein bedauerlicher Irrtum. Man kann nicht einmal so in einem Buch nachschlagen... Die schwierigen Erwerbungen sind schon nach Priorität erforscht worden. Wir haben viele Werke in der Datenbank „lostart“ eingestellt. Das ist vor meiner Zeit begonnen worden. Wir wissen, dass die Forschung am Bestand aber noch fünf Jahre dauern wird. Man kann das nicht mit Personalaufstockung ausgleichen. Die Recherche setzt sehr spezifische Kenntnisse der Sammlung und der Provenienzforschungsmittel voraus. Wir haben eine Stelle, ergänzt durch zwei Assistenzen.

 Ich werde darüber hinaus mit der gesamten wissenschaftlichen Mannschaft ein Projekt entwickeln, was wir jetzt schon diskutieren: Wir möchten die Geschichte der Staatsgemäldesammlungen in den Jahren ab 1933 untersuchen – was nicht bedeutet, dass wir nur bis 1945 forschen; wie waren die Situation der Institution und ihrer Mitarbeiter und die späteren Folgen? Kunstwerke, Akten, Fotos und Karteikarten gehören da zusammen. Das ist ureigene Chefsache.

Stichwort Sammlung Gurlitt: Haben Sie wie die Staatsgalerie Stuttgart auch beim Erben, dem Kunstmuseum Bern, Interesse angemeldet?

Unsere Prioritäten sind im Moment ganz andere. Die Sammlung Gurlitt in Stuttgart zu zeigen, ist plausibel. Wer sie sehen will, kann rasch dahin fahren. Stuttgart ist im Gespräch, und das wird von meiner Seite in keiner Weise angefochten.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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