Neuerscheinung

Das berüchtigte Was-wäre-wenn

München - Liebe und Erinnerung: Bernhard Schlinks Roman „Die Frau auf der Treppe“ ist jetzt im Buchhandel erhältlich. Eine Buchbesprechung.

Die Motive kommen einem bekannt vor, allen voran jenes Bild, das Bernhard Schlinks neuem Roman seinen Titel verleiht: „Die Frau auf der Treppe“. Gleich auf der ersten Seite wird eine weibliche Figur beschrieben, die mit „schwebender Leichtigkeit“ die „verschwommenen Treppenstufen“ herabsteigt, gemalt vom „berühmtesten und teuersten Maler weltweit“, und unvermittelt hat man Gerhard Richters „Ema. Akt auf einer Treppe“ vor Augen.

Im Anhang verrät Schlink, dass Richters Bild ihn zwar tatsächlich inspiriert habe, die Figur des Malers Karl Schwind jedoch frei erfunden sei. Eine durchaus notwendige Klarstellung, kommt der berühmte Maler im Roman doch reichlich unsympathisch daher – spielt aber auch nur eine Nebenrolle. Im Zentrum steht mal wieder ein deutscher Jurist, der im Herbst seines Lebens in einer Galerie in Sydney zufällig besagtes Bild sieht und damit jäh an seine erste große Liebe erinnert wird.

Autor Bernhard Schlink.

Irene war die Frau des reichen Unternehmers Peter Gundlach, die von dem damals noch unbekannten Schwind gemalt wurde und daraufhin ihren Mann verließ, um mit dem Künstler zu leben. Der namenlose Ich-Erzähler wurde damals als junger Anwalt von Schwind beauftragt, dessen Rechte am Bild zu vertreten und es Gundlach abzunehmen. Er verfällt seinerseits den Reizen Irenes und lässt sich von ihr zu einer tollkühnen Diebstahlsaktion verführen, an deren Ende sowohl die Frau als auch das Bild spurlos verschwunden sind – bis es nach Jahrzehnten in besagter australischen Galerie wieder auftaucht und wie ein Magnet alle Protagonisten von einst anzieht.

Schlink-Kenner werden bei der Lektüre das ein oder andere „Déjà-vu“-Erlebnis haben: Der junge, von einer zwiespältigen Frau ausgenutzte Mann („Der Vorleser“) kommt einem ebenso bekannt vor wie die Wiederbegegnung reiferer Menschen in einem abgelegenen Haus – in das Irene sich zurückgezogen hat –, wo sie versuchen zu rechtfertigen, was aus ihren Idealen und Träumen von einst geworden ist („Das Wochenende“). Themen wie RAF und DDR werden diesmal aber nur gestreift. Zu seinem 70. Geburtstag, den Schlink am 6. Juli beging, sind es offenbar nicht die politischen und gesellschaftlichen Fragen, die den ebenso erfolgreichen Juristen wie Schriftsteller umtreiben, sondern die zutiefst menschlichen. Historische Bezüge sind hier nur dekoratives, um nicht zu sagen überflüssiges Beiwerk für eine Liebesgeschichte, die sich behutsam und eindringlich um das berüchtigte Was-wäre-wenn dreht und die Frage, was an seinem Ende vom Leben übrig bleibt – und von der Liebe.

Das klingt pathetisch, kommt in Schlink’scher Manier aber leicht und lebensnah daher. Die Figuren interessieren von der ersten Seite an, die Vierecks-Konstellation birgt einiges an Spannung, die im letzten Drittel allerdings radikal abfällt. Denn sind die entscheidenden Fragen ausdiskutiert, fehlt der Liebesgeschichte am Ende der nötige Tiefgang, um wirklich zu berühren.

Nicole Langenbach

Bernhard Schlink:

„Die Frau auf der Treppe“. Diogenes Verlag, Zürich, 245 Seiten; 21,90 Euro. Bernhard Schlink liest in München aus seinem neuen Buch am 18. September um 20 Uhr im Literaturhaus, Salvatorplatz 1; Karten unter Tel. 089/ 29 19 34-27.

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