Bernrieds Buchheim Museum zeigt „Faszination Circus"

Bernried - „Die Exponate kommen natürlich alle aus der Sammlung von Lothar-Günther Buchheim", kann Clelia Segieth ganz entspannt und mit weitem Armschwenk sagen.

Die Chefin des Buchheim Museums in Bernried am Starnberger See führt gerade durch die Ausstellung „Faszination Circus - Manege frei für Kunst und Phantasie", die ab Sonntag zugänglich ist.

Und die bietet sozusagen ein volles Zirkusprogramm: Denn man kann im Haus nicht nur auf die Liebe der Expressionisten zur Manege zurückgreifen, sondern man besitzt auch populäre Grafik von den Zirkus-Vorläufern, den Jahrmarktsgauklern, alte und neue Plakate mit diversen Vorführungen und Attraktionen, Werke von naiven Künstlern und Sonntagsmalern - und die Arbeiten von Buchheim selbst. Das sind Linolschnitte vom Buben Lothar-Günther, realistische Zeichnungen und Fotos vom Burschen, naive Hinterglasbilder und Aufnahmen vom Mann inklusive einiger Requisiten von seinem Auftritt als Musikclown 1983 im Circus Roncalli. Wer könnte da noch leugnen, dass Buchheim zeit seines Lebens zirkusnarrisch war.

Der erste Zirkus entstand im London des 18. Jahrhunderts. Die Kunstreiterei wurde um verschiedene Schaunummern erweitert. Deren Ursprünge liegen im Jahrmarkt, wie das hier abgebildete italienische Kalender-Blatt von 1833 zeigt. Die Gauklertruppe wirbt auf ihrem Karren mit einem Plakat. Darauf sind die artistischen Kunstfertigkeiten zu sehen. Die Mischung aus Außenseitertum, oft höchstem Können und Nähe zu den Tieren faszinierte die Künstler. Gerade in der beginnenden Moderne wird der Zirkus zum Sinnbild für die Welt, in der sich die Menschen nach ihren Fähigkeiten zurechtfinden müssen - oder nicht können, wo sie im Kreis herumjagen, herrschen oder beherrscht werden.

Noch 1916, im Ersten Weltkrieg, blickt Erich Heckels desillusionierter Pierrot (womöglich ein Selbstbildnis) todernst in den Spiegel. Der melancholische Spaßmacher taucht immer wieder in Bildern auftauchen - gern auch als Projektion des Künstlertums selbst: ob bei Max Beckmann oder Marc Chagall. Unterschiedlicher ist der Blick der Expressionisten auf die Tiere. Bei Conrad Felixmüllers Gemälde „Zirkusreiterin“ (1921) wird der Mann in der Manege zum „Dompteur“ von Frau und Pferd, während in Ernst Ludwig Kirchners Litho „Rapphengst“ (1909) das Tier, an das sich die Artistin schmiegt, mächtig dominiert oder bei Marc Chagall Frau und Tier zur völligen Harmonie verschmelzen.

Zu all dem passt wunderbar der liebenswürdig naive Zirkus-Kommentar von Amateurkünstlern wie Hector Trotin, Max Raffler, Hans Schmitt mit seinen Skulpturen aus Holzabfällen und dem Bauchredner Josef Muskat. Er hat sogar mechanische Figuren zusammengebastelt und einst vorgeführt. Ein wunderherrlicher Ausrufer ist in der Ausstellung zu sehen - zart-skurril und berührend ärmlich.

Bei den Plakaten amüsieren die alten aus den 1880er/90er-Jahren. Da wird zum Beispiel illustriert, was Schweinchen so alles können. Die Krone-Werbung ist hingegen fad bis auf ein Plakat. Bei ihm fallen Krokodile über eine Hochhaus-City her wie weiland King Kong: Der Zirkus bietet eben Träume - und Albträume.

Simone Dattenberger

21. November bis 3. April,

Bernried, Am Hirschgarten 1, Di. bis So. 10 bis 17 Uhr, Telefon 081 58/ 99 700; das Werkstattprogramm für Schulen kann unter Telefon 081 58/ 99 70 50 gebucht werden. Begleitbroschüre: 9,90 Euro.

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