Bertolt Brecht: Der abgestürzte Ozeanflieger

- In dem großen Gedicht "An die Nachgeborenen", das allgemein als sein Vermächtnis angesehen wird, klagt Bertolt Brecht, dass er in finsteren Zeiten leben musste: "Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd, / Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt/ Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung./ Dabei wissen wir doch: Auch der Hass gegen die Niedrigkeit/ verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Auch wir/ die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit/ Konnten selber freundlich nicht sein."

Nein, auch 50 Jahre nach seinem Tod, nach Unmengen Literatur über ihn, nach Forschung und allerlei Erkenntnis lässt sich Bertolt Brecht, das Genie aus Augsburg, nicht ausbuchstabieren. Wenn er in seiner Dichtung immer wieder das Lob der Dialektik anstimmt, dann nimmt er sich selbst dabei nicht aus. Dieser Brecht ist ein Mensch in seinen Widersprüchen, ein Künstler der Widersprüchlichkeit, der sich nicht festnageln lässt. Nicht aus Opportunismus, von dem er freilich auch eine gewisse Portion besaß, sondern aus einer Sucht, alles einmal Gedachte in Frage zu stellen, es neu und immer wieder neu zu denken.

Das macht uns Heutigen den Umgang mit diesem ganz und gar nicht Gestrigen so schwer, so unbequem. Denn Brechts Werk lässt sich nicht über nur einen Kamm scheren. Und was als belehrend und dogmatisch daherkommt, wird in der nächsten Szene, im folgenden Stück, in einer Verszeile ad absurdum geführt. Die Volten, die er schlug, waren einzig dazu da, seinem eigenen Fatalismus zu entkommen. Und so polemisierte Brecht auch immer wieder munter gegen sich selbst. Demnächst gibt es dafür ein aktuelles Beispiel: die Entdeckung eines "Lehrstücks" aus dem Jahr 1929, das bislang in keiner Werkausgabe enthalten ist. Der abgestürzte Ozeanflieger liegt schwer verletzt am Boden, doch die schaulustige Menschenmenge versagt ihm ihre Hilfe. Sie lässt ihn krepieren; denn sein Heldentum hat der Gesellschaft nicht genutzt. Vielleicht sah Brecht sich selbst in diesem Helden. Womöglich sah er hier schon voraus die zerstörerische Kraft des Kollektivs, in dem das Individuum nichts zählt. Ein Gebot totalitärer Regime, des Faschismus wie des Kommunismus. Das "Lehrstück" wird am 31. August im Berliner Ensemble uraufgeführt.

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