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Eine US-Amerikanerin in Venedig: Donna Leon liebt es, in ihrer Wahlheimat nicht als berühmte Schriftstellerin bekannt zu sein.

Donna Leon: „Berühmtheit ist gefährlich“

Donna Leon über ihren 70. Geburtstag, den 20. Brunetti-Fall, den Ruhm, das Bügeln und ihre Arbeit mit Cecilia Bartoli

Die Schriftstellerin Donna Leon feiert in diesem Jahr ein Doppeljubiläum: Den 20. Fall von Commissario Brunetti und ihren 70. Geburtstag am Freitag. Im Interview verrät die Amerikanerin, die seit mehr als 30 Jahren in Venedig lebt, warum sie froh ist, in Italien nicht berühmt zu sein.

Was wünschen Sie sich zu Ihrem Geburtstag?

Ich wünsche mir einfach, gesund zu bleiben und Freude am Leben zu haben. Das ist alles. Ich möchte nichts verändern. Und ich brauche keine Geschenke, Diamanten oder so was. Einfach nur mit Freunden zusammen sein und Spaß zusammen haben.

Wird es in Ihrem neuen Lebensjahrzehnt auch mit Commissario Brunetti weitergehen?

Ja, auf jeden Fall. Die nächsten beiden Bände, die nächstes Jahr auf Deutsch erscheinen werden, sind schon fertig: Bei dem einen dreht es sich um die Herstellung von Fleisch, bei dem anderen geht es darum, wie wichtig Sprache für uns ist.

Als Sie mit „Venezianisches Finale“ den ersten Fall von Brunetti veröffentlichten, haben Sie mit so großem Erfolg gerechnet?

Nein. Das ist immer noch unglaublich für mich. Das ist nichts, was ich jemals wollte. Ich hatte niemals vor, berühmt zu werden. Ich wollte nur Spaß haben und ich hatte ganz viel Glück mit diesem Buch. Es war ein Glücksfall, dass der Diogenes Verlag mich entdeckt hat.

In Deutschland ist Brunetti auch durch die Fernsehverfilmungen berühmt geworden. Haben Sie jemals einen deutschen Film mit Commissario Brunetti gesehen?

Einen einzigen habe ich gesehen. Vor zehn Jahren. Ich besitze ja keinen Fernseher. Es ist sehr deutsch, überhaupt nicht italienisch. Das ist jetzt keine Kritik, das ist einfach eine Beobachtung. Ich lebe in Italien seit mehr als 30 Jahren. Aber Sie sehen diesen Film und wissen, er kommt aus Deutschland: „Guten Tag, Herr Kommissar. Wie geht es Ihnen?“ (spricht mit ernster, tiefer Stimme und streckt steif ihren Arm aus).

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Gerüchte. Wenn Sie in einer kleinen Stadt leben, und Venedig ist eine kleine Stadt, es leben dort nur 59 000 Menschen, dann gibt es da keine Geheimnisse. Wenn ich etwas über irgendjemanden wissen möchte, ich finde es heraus. Und wenn irgendjemand etwas über mich herausfinden möchte, dann findet er es heraus. Jeder kennt jeden.

Ist das auch der Grund, warum Sie nie wollten, dass Ihre Bücher ins Italienische übersetzt werden?

Nein. Ich lasse meine Bücher nicht ins Italienische übersetzen, weil ich gesehen habe, was Erfolg und Berühmtsein mit Menschen machen kann. So möchte ich nicht leben. Ich glaube, es kann sehr gefährlich sein, berühmt zu sein. Es ist so gefährlich, weil die Menschen dann glauben, sie wären etwas Besseres. Ich war einmal in einem Restaurant in Venedig. Da kam ein Mann herein und sagte: „Ich hätte gerne einen Tisch für vier Personen.“ Da sagte die Restaurantleiterin: „Sorry, aber wir sind voll.“ Da sagte er: „Wissen Sie nicht, wer ich bin?“ Da sagte sie: „Es interessiert mich nicht, wer Sie sind. Wir sind voll.“ Das ist die Gefahr, wenn man berühmt ist: Plötzlich erwartet man eine besondere Behandlung, weil man immer eine besondere Behandlung bekommen hat. Und ich möchte nicht besonders behandelt werden. Ich möchte ein normales Leben.

Und dieses normale Leben können Sie in Venedig führen?

Niemand weiß, wer ich bin. Manchmal erkennen mich Touristen, aber keine Venezianer. Venezianer kennen mich, weil sie mich seit 30 Jahren auf der Straße sehen. Sie begrüßen mich: „Buon giorno, Signora. Wie geht es Ihnen?“ Aber sie wissen nicht, wer ich bin und was ich mache.

Ihre Leidenschaft gilt außer dem Schreiben auch der Oper und der Barock-Musik. Mit Cecilia Bartoli haben Sie jetzt ein Projekt über den in Vergessenheit geratenen Komponisten Agostino Steffani (1654-1728) gestartet...

Cecilia fragte mich vergangenes Jahr, ob ich etwas zu ihrer CD schreiben könnte. Ich sagte ja, und dann bat sie mich, ein Buch zu schreiben. Sie sagte: „Lies etwas über das Leben von diesem Komponisten. Du schreibst doch über geheimnisvolle Dinge. Sein Leben ist voller Geheimnisse.“ Sie gab mir einiges über ihn: eine Biografie, Briefe. Ich las alles, sagte dann ja.

Wann haben Sie Zeit, Musik zu hören?

Ich habe so wenig Zeit. Ich kann nur lesen oder schreiben oder Musik hören. Aber nicht alles zur gleichen Zeit. Deshalb höre ich Musik nur, wenn ich ein Konzert besuche – oder wenn ich bügele. Ich trage jeden Tag eine weiße Bluse. Also muss ich jede Woche sieben weiße Blusen bügeln. Das ist wie eine Therapie für mich. Und dann höre ich Musik.

Das Gespräch führte Carola Große-Wilde.

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