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„Ich war wahnsinnig eifersüchtig auf die Klavierschüler meiner Mutter“: Pianist Dejan Lazic (32), gebürtiger Kroate, lebt seit zehn Jahren in München und widmet sich ungewöhnlichen Musikprojekten.

Gespräch

Berufsziel Mozart oder Platini?

Der Münchner Pianist Dejan Lazic über Wettbewerbe, seine Brahms-Bearbeitung und wilden Kapitalismus

Der Mann hat Verbotenes getan, jedenfalls aus Sicht der Puristen. Nein, keine falschen Töne gespielt oder ganze Passagen vergessen. Viel „schlimmer“: Dejan Lazic hat das Violinkonzert von Johannes Brahms für Klavier und Orchester umgeschrieben. Weil er es liebt und gern spielt. Und weil er interessante Gründe dafür ins Feld führt: „Ich habe den Eindruck, lieber Johannes, dass du immer noch als Pianist denkst“, so ähnlich habe sich seinerzeit Violin-Star Joseph Joachim gegenüber Brahms ausgedrückt. „Vielleicht“, folgert Lazic, „hat man damals gar nicht so instrumentenspezifisch gedacht, es ging einfach um Musik. Meine Bearbeitung ist eine Neuauslegung der Violinpartie.“

Schon allein wegen solcher Unternehmungen fällt Pianist Dejan Lazic aus dem Rahmen. Etwas unverständlich, dass die Musikszene den gebürtigen Kroaten (noch) nicht im Zentrum des Radarschirms hat. Und dabei hat Lazi(c), der seit zehn Jahren in München lebt und in Salzburg studierte, gerade eine sehr bemerkenswerte Aufnahme des zweiten Rachmaninow-Konzerts vorgelegt.

Für den 32-Jährigen ist das „Mainstream“. Denn wenn man sich seine CD-Projekte anschaut, stechen ungewöhnliche Kombinationen wie Britten/ Carl Philipp Emanuel Bach oder Scarlatti/ Bartók ins Auge. „Mit meiner Firma habe ich Glück, weil sie ein Independent-Label ist“, sagt Lazic. „Ich brauche dieses ungewöhnliche Repertoire. Oder wussten Sie, dass Bohuslav Martinu fünf Klavierkonzerte geschrieben hat?“

Auch die musikalische Sozialisation ging bei Lazi(c) nicht den typischen Gang à la mit drei Jahren erstmals am Flügel gesessen und mit vier bei „Jugend musiziert“ gewonnen. Zunächst hat sich vor ihm eine existenzielle Berufsentscheidung aufgetürmt: „Mozart oder Platini?“ Und das, obwohl die Eltern Pianisten sind: Die Mutter unterrichtete an der Hochschule, der Vater hatte eine Produzentenstelle beim Rundfunk. Ans Klavier zog’s Lazic vor allem aus persönlichen Gründen: „Ich war wahnsinnig eifersüchtig auf die Schüler meiner Mutter.“

Als das Berufsziel Fußballstar endgültig aus dem Rennen war, wollte der Kroate unbedingt zwei Instrumente parallel spielen und dazu auch noch komponieren. Was alles so weit führte, dass Lazic im Jahr 1994 beide Brahms-Klarinettensonaten einspielte – dank der Schneidetechnik mit sich selbst am Klavier.

Auf Wettbewerbe verzichtete Lazic, womit er sich übrigens in guter Gesellschaft befindet. Viele Stars haben dieses Geschäft gemieden, waren sie doch der Überzeugung, dass eine Karriere auch ohne Wettbewerbe gut funktioniert – im Einzelfall nur eben etwas langsamer in Schwung kommt. „Wettbewerbe erziehen zu Mainstream“, sagt Lazic kategorisch. „Und manchmal zu einer unguten Marken- oder Imagebildung.“ Er fühle sich nicht wohl „in dieser sportlichen Atmosphäre, wo’s nur um Konsumieren und um Kategorisieren geht“.

Das wirkt leicht dahergesagt. Doch wer den eloquenten, temperamentvollen Pianisten im Gespräch erlebt, stellt fest, dass all dies ziemlich reflektiert und selbstbewusst ist. Und dass man sich um Lazi(c), der so lustvoll über seinen Beruf, aber auch über Fußball und Politik plaudern kann, keine Gedanken machen braucht: Abheben? Keine Gefahr.

Mit zwölf Jahren zog Dejan Lazic mit seinen Eltern von Zagreb nach Salzburg. Einfach aus dem Grund, weil er seinem Lehrer nachreiste, den er beim Bartók-Festival kennengelernt hatte. Für die Eltern und den kleinen Solisten ein krasser Einschnitt, auch was das Musikleben betraf. Er wolle zwar den Sozialismus nicht verklären, aber: „Kultur und Sport standen damals im Zentrum. Wenn man Talent hatte, aber wenig Geld – kein Problem. Man durfte zu den besten Lehrern.“ Die augenblickliche Situation in Kroatien empfinde er dagegen als „wilden Kapitalismus“.

Das kulturelle Leben drohe bei alledem unter die Räder zu geraten. Und dabei hat doch Kroatien, wie Lazic betont, hervorragende Musiker zu bieten. „Man müsste die heimischen Künstler viel mehr fördern. Außerdem könnte man auch ein wunderbares, international konkurrenzfähiges Orchester gründen. Doch was tun die dort, wenn sie ein Ausnahmekonzert veranstalten? Sie laden die Wiener Philharmoniker ein.“

von Markus Thiel

Sergej Rachmaninow

Klavierkonzert Nr. 2, Moments Musicaux. London Philharmonic Orchestra, Dejan Lazi(c), Kirill Petrenko (Channel Classics).

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