Trauer um Frei Otto

Der bescheidene Revolutionär

München - München trauert um den Architekten Frei Otto, der durch seine Leichtbauweise Gebäuden und Menschen die Fesseln löste.

Ein Holzbrett, ein paar Stäbchen und ein Damenstrumpf – fertig war das Zeltdach für die Olympiaspielstätten Münchens. Zumindest als Modell. Mit dieser beschwingten Berg- und Talfahrt ist Frei Otto in den Olymp der Architekten eingegangen – obwohl er nicht der einzige Vater dieser transparenten „Landschaft“ war. Wie nun bekannt wurde, ist der bescheidene Revolutionär unter den Baumeistern am Montag verstorben (wir berichteten). München hat diesem Künstler der architektonischen Leichtigkeit, der sich nicht über die Flüchtigkeit vieler seiner Werke grämte, das einzige global bedeutende Gebäude der Moderne zu verdanken.

Dabei war Frei Paul Otto, am 31. Mai 1925 in Siegmar (Sachsen) geboren, in das Abenteuer um die Olympischen Spiele 1972 hineingerutscht. Er und sein Büro hatten nicht am Wettbewerb um die Sportanlagen auf dem Oberwiesenfeld teilgenommen. Aber seine Indianerzelt-ähnlichen Pavillons für die Expo von 1967 in Montréal hatten die Kollegen elektrisiert. So auch die Architekten des Büros Behnisch & Partner. Der Seidenstrumpf war zwar charmant, das spürte die Wettbewerbsjury, aber ob sich diese Idee in gigantische Ausmaße übersetzen ließe, wurde heftigst bezweifelt. Es gab nur einen, der die Erfahrung und das Renommee hatte, die Vision Wirklichkeit werden zu lassen: Frei Otto. Behnisch und Fritz Auer, der das Team leitete, konnten Otto zunächst als Kronzeugen für die tatsächliche Machbarkeit und schließlich als (Mit-)Konstrukteur gewinnen. Undenkbar, dass all die Probleme um die Statik zwischen Zeltstruktur, Pfeilerpositionierung, Seilverbund, Zugkraft, Schnee-, Regen- und Windlast, Schwingung und Erdanker ohne Otto und sein Institut für Leichtbau zu lösen gewesen wären. Das Ergebnis vermittelt bis heute hinreißende Leichtigkeit, die Laien wie Kenner genießen. Der Weg dorthin war alles andere als leicht, denn man baute etwas, was es so noch nie gegeben hatte.

Otto selbst war als junger Mensch geprägt einerseits vom bildhauerischen Arbeiten (Großvater, Vater), andererseits vom Fliegen (Segelflieger, Pilot im Krieg). Beides verband der angehende Architekt in seiner Synthese zu einer luftigen Skulptur, in der sich Menschen aufhalten und vor allem frei sein können. Ein Studienaufenthalt 1950 und ’51 in den USA, bei dem er all die berühmten Baumeister der Klassischen Moderne von Frank Lloyd Wright bis Ludwig Mies van der Rohe kennenlernte, verschaffte Ottos eigenwilligen Gedanken zusätzlichen Schwung. Und schon seine Dissertation „Das hängende Dach“ machte deutlich, dass er auch Wissenschaftler und Lehrender sein wollte. Daher prägte er ab 1958 die „Entwicklungsstätte für Leichtbau“ in Berlin und ab 1964 das „Institut für leichte Flächentragwerke“ der Technischen Hochschule Stuttgart, wo er von 1976 bis 1991 Professor war. Im Übrigen war Frei Otto auf der ganzen Welt ein Architektur-Weiser – sowohl im Sinne von klug als auch im Sinne von wegweisend.

Seine Akzeptanz in anderen Kulturen (Kulturzentrum in Riad, Konferenzzentrum in Mekka oder Japans Pavillon bei der Expo 2000 in Hannover) mag darin begründet sein, dass er nicht typisch westlich baute und dass sein optisches Vokabular Naturelemente genauso aufgriff wie die temporäre Baukunst der Nomaden. Holzgitter, Membranen, Netze, Stäbe – all das kommt weder einem Mongolen noch einem Araber seltsam vor. Natürlich setzte Frei Otto auf die neueste Technologie, trieb viele Firmen gerade durch seine Anforderungen zu Erfindungen. Aber er war sich nicht zu schade, ebenfalls „Kleinigkeiten“ zu entwerfen/ errichten: Segel für Freilichtbühnen beispielsweise oder Schirme für den Stuttgarter Schlossplatz. Das Riesige, Mächtige, Dominante war ihm suspekt. Deswegen mäkelte er sogar am Olympiadach herum: „Wir erleben (...), wie unsere Leichtkonstruktionen, entwickelt für eine materialsparende Architektur (...), zur Gigantomanie entfremdet wurden.“

München darf sich dennoch glücklich schätzen über „seinen“ Frei Otto: im Olympiapark und im Tierpark Hellabrunn, wo die Vogelvoliere bezaubert. Die liebevolle Verbindung von Naturelementen wie Flügel, Ast, Gespinst, Netz oder Blatt, Landschaftsoberfläche und Architektur machte aus Frei Otto einen sanften Revolutionär – und zu einem Vater des ökologischen Bauens, das obendrein flexibel auf die Wünsche der Bewohner reagieren sollte (Berlin). Hoffentlich lassen sich endlich wieder mehr Menschen von seinen Gedanken inspirieren.

Simone Dattenberger

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