Der bescheidene Star

- Noch gibt sich der Chef zurückhaltend. Statt markig zu verlautbaren, wie er das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks zu prägen gedenkt, will Mariss Jansons München erst "kennen lernen". Es sei wichtig, so der gebürtige Lette, "die Möglichkeiten des Chores und des Orchesters im Rahmen dieses Musiklebens herauszufinden". Ein Diplomat also, sympathisch, redlich und bescheiden, ein Künstler, auf den - obwohl längst in der Champions League der Dirigenten - das Attribut "Pultstar" so gar nicht passen mag.

Jansons leitet in München insgesamt 15 Konzerte<BR> <BR>Kommenden Herbst startet Jansons' erste Spielzeit beim BR, in der er 15 Konzerte leiten wird, zwölf im Rahmen der Abo-Reihen plus drei Sonderkonzerte - macht zusammen 14 1/2 Wochen Anwesenheit, "mehr als in meinem Vertrag steht". Das klingt dennoch nach magerer Ausbeute. Aber im Vergleich zu den Berliner oder Münchner Philharmonikern bescheiden sich die BR-Symphoniker mit deutlich weniger Abenden, prozentual gesehen gehen die Auftritte des Chefs also in Ordnung.<BR><BR>Jansons' erstes Konzert am 23. Oktober bringt eine Leistungsschau für zwei Edel-Ensembles: Mit dem BR-Chor führt er Strawinskys heikle "Psalmensymphonie" auf, danach folgt Berlioz' "Symphonie fantastique". Und mit einem weiteren Stück des Abends wendet sich der 60-Jährige an den Publikumsnachwuchs: Brittens "The Young Person's Guide to the Orchestra". Die offensive Jugendarbeit überlassen die BR-Symphoniker zwar ihren Kollegen vom Rundfunkorchester, dennoch denkt Jansons an ein "Jugend-Wochenende" im Mai 2004: Zwei Jugendorchester sollen da mit den BR-Profis arbeiten, Näheres werde noch mitgeteilt.<BR><BR>Damit nicht nur hiesige, sondern auch internationale Fans das Gespann Jansons/BR erleben, wurden mehrere Tourneen organisiert. So gastiert das Orchester unter anderem in Wien, London, Teneriffa, aber auch in Kuala Lumpur, Singapur, Brisbane, Sydney und Melbourne. Die Zusammenarbeit von Jansons und dem Ensemble soll auch auf Tonträger dokumentiert werden: Für EMI setzt er seinen Schostakowitsch-Zyklus fort, darüber hinaus denkt der Sender an die Gründung eines eigenen CD-Labels.<BR><BR>Zum Start der neuen Ära hat sich der BR gleich ein frisches Gewand geleistet, also ein neues Logo ("BRSO"), neue Plakate und eine ambitioniert gestaltete Saisonbroschüre, für deren Fotos Musiker samt Dirigent in die Pinakothek der Moderne geschickt wurden. Zusätzlich wird eine Abo-Reihe D mit zwei Terminen angeboten, die Reihe A von acht auf sechs Abende reduziert.<BR><BR>Doch scheint die Vorfreude etwas getrübt - zumindest bei Jansons, der sich mit der Gasteig-Akustik und dem kleinen Herkulessaal nicht zufrieden zeigte: "Die Situation ist ganz inakzeptabel." Und damit war er wieder bei einem Projekt angelangt, dass seit gut einem Jahr durch die Stadt geistert, mangels Finanzen freilich eine Utopie zu bleiben droht: ein Konzertsaal für die BR-Symphoniker. "Ich kann nicht glauben, dass es in München kein Geld gibt. Es ist nur eine Sache der Priorität." Hörfunkdirektor Johannes Grotzky stellte jedoch klar: Wir können das nicht aus eigener Kraft stemmen." Ob Marstall, umgebauter Herkulessaal oder neues Gebäude: Gesucht werde ein Sponsor als "Langzeitpartner".<BR><BR>Mit einem phänomenalen Saal wuchert immerhin das Concertgebouw-Orchester Amsterdam, ein Ensemble, das Mariss Jansons ab 2004 zusätzlich übernimmt. Hinter vorgehaltener Hand kann manch Münchner Musiker oder BR-Verantwortlicher die Enttäuschung darüber nicht verbergen, Jansons versuchte, Bedenken zu zerstreuen: Sein Herz werde München genauso wie dem Concertgebouw gehören. "Ich werde alles tun, was das Orchester hier braucht, das hat mit Amsterdam überhaupt nichts zu tun."<BR>

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