Beschwörung eines fernen Idylls

- In gewisser Weise ist diese CD gefährlich. Weil sie vor Ohren führt, wie sehr Lucia Popp vermisst wird, welch nie geschlossene Lücke ihr Tod am 16. November 1993 in der Musikwelt hinterließ. Die Bayerische Staatsoper war künstlerische Heimat der Sopranistin - seit dem Debüt als Sophie im "Rosenkavalier" 1972 bis zum letzten Auftritt als Eva in den "Meistersingern" 20 Jahre später.

<P>Diese Münchner Live-Mitschnitte belegen die Einzigartigkeit dieser Lyrischen, die mit gegenwärtigen Vertretern des Fachs wenig gemein hat. Tummeln sich heute (auch durch die Alte-Musik-Bewegung) meist flachklangliche Stimmbesitzerinnen auf den Bühnen, so berückte Lucia Popp durch ihr warmes, flexibles, bis in Extremlagen wohlgerundetes Timbre. Wenn sie sang, so war das nie Selbstdarstellung oder Vorführung äußerlicher Affekte, sondern authentische Emotion, Klang gewordene Seele.</P><P>Ihre innige Susanna ("Figaro"), ihre aufgekratzte Frau Fluth ("Lustige Weiber von Windsor"), auch eine empfindsame, nie süßliche Arabella - all das dokumentiert diese CD, auf der sich eine kleine Sensation findet: zwei Ausschnitte aus Carlos Kleibers erstem Münchner "Rosenkavalier". Und hier berührt sich die Produktion mit einer weiteren Neuheit, mit Beethovens sechster Symphonie unter Stabführung eben jenes Genies.</P><P>Nur einmal hat Kleiber die "Pastorale" dirigiert, am 7. November 1983 im Nationaltheater. Ein privater Mitschnitt schlummerte jahrelang im Privatbesitz seines Sohnes, Orfeo presste ihn nun, akustisch einigermaßen bereinigt, auf Silberscheibe. Das gern romantisierte, als gewichtige Tondichtung zelebrierte Opus begegnet uns hier erstaunlich unverbraucht. Kleiber setzte auf Beethovens rasche Metronom-Tempi (die sich im Orchester nicht immer festigten), belebte die Symphonie durch einen nach vorn strebenden Gestus.</P><P>Das Gewitter entlädt sich mit einschüchternder Wucht, im Gedächtnis haften bleiben aber diese Momente: der zweite Satz, in dem die Vogelrufe nicht als instrumentale Imitation tschilpen, sondern melancholisch von einem fernen Idyll künden - eine Stimmung, die im Finale wieder aufgenommen wird. Kleiber begriff die Symphonie nicht als tönendes Naturgemälde, sondern als Beschwörung eines unwiederbringlichen Zustandes. Ein Anliegen, das die 2000 Besucher ins Herz traf: Der Jubel setzte erst nach beklommenen Schweigesekunden ein.</P><P>Lucia Popp: Live-Recordings 1972-1983; Beethoven: Symphonie Nr. 6, Bayerisches Staatsorchester, Carlos Kleiber (beides Orfeo).<BR></P>

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