Beschwörung des Leids

- Trotz Mozart-Jahr: Bach gibt in München in diesen Tagen den Ton an. Nach dem ganzen Wohltemperierten Klavier, gab es nun ausgerechnet eine halbe Johannes-Passion. Und das zu einer Zeit, in der die Weihnachtschöre kaum verklungen sind. Was hat sich Thomas Hengelbrock da nur gedacht?

Einiges. Denn er koppelte im zweiten Abo-Konzert des BR-Symphonieorchesters den ersten Teil der Passion mit Bernd Alois Zimmermanns ekklesiastischer Aktion "Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne" und der Bach-Kantate "O Ewigkeit, du Donnerwort". Eine ungewöhnliche Kombination, die aber tiefen Eindruck hinterließ und Sinn stiftete: Formal dadurch, dass Zimmermann den Choral "Es ist genug", mit dem die Bach-Kantate schließt, auch ans Ende seines Werkes setzt.

Inhaltlich spannte sich ein Bogen vom Leiden des Mensch gewordenen Gottessohnes in der Passion zum allumfassenden Elend der menschlichen Kreatur, die Zimmermann aus Text-Fragmenten des Alten Testamentes und aus Dostojewskis Rede des Großinquisitors an den gefangenen Jesus ("Die Brüder Karamasow") filtert, hin zum tröstlichen Dialog von Furcht und Hoffnung in der Kantate.

Hengelbrock wob die Werke pausenlos ineinander, beantwortete Zimmermanns Blechchoral mit einer a cappella vom BR-Chor intonierten 3. Strophe des Schluss-Chorals. Im wendigen BR-Chor hatte der Dirigent den rechten Partner. Andreas Weller gestaltete mit hellem, zartem Tenor einen engagierten Evangelisten, steigerte sich danach in die Arien und fand im ruhig geführten Mezzo der Elisabeth Kulman eine gut harmonierende Partnerin.

Hengelbrocks lebendige, plastische, ja fast drastische Beschwörung des Leids gipfelte in der Hochspannung, mit der er Zimmermanns expressives Werk anging. Das mit großem, viele Schreckensfarben bereithaltenden Schlagzeug und aggressivem Blech (Posaunen tönten von hinten) besetzte Orchester setzte markante, instrumentale Akzente, bis es zuletzt in einem kreischenden Tutti die Stimmen begrub. Die Sprecher Lutz Lansemann und Georg Blüml und der wohltönend-expressive Bariton Michael Volle als Christus bannten das Publikum. Es schwieg beeindruckt, bevor es alle heftig beklatschte.

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