Der bessere EU-Gipfel

Neue Pinakothek: - "Blicke auf Europa - Europa und die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts" war in diesem Frühjahr das künstlerische Großprojekt für Brüssel anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Jetzt ist dieses Riesenunternehmen in München zu sehen.

Soll man sich nun mehr für den großartigen Menzel-Saal mit dem in der Kunsthistorie verewigten Hauptbild, "Eisenwalzwerk (Moderne Cyklopen)", begeistern, oder gibt der Besucher doch der herrlichen Reihe von Liebermanns den Vorzug, oder bejubelt man auf den Knien seines Herzens die phänomenale Serie mit Gemälden von Caspar David Friedrich?

Sehnsuchtsraum mit Menzel, Liebermann und C. D. Friedrich

Ein derartiges Gipfeltreffen mit hochkarätiger Mehrfach-Œuvreschau wird der Museumsgenießer wohl so schnell nicht mehr erleben. Denn die Exposition wurde nicht nur von den Museumsverbünden in München, Dresden und Berlin gespeist, sondern auch von vielen anderen Häusern zwischen Stuttgart und Hamburg.

Der Ansatz der Ausstellung: Nach der Französischen Revolution und der brutalen Vereinigung Europas unter Napoleon wurde für die Künstler Europa ein "Sehnsuchtsraum". Sie hofften dabei weniger auf Politik und Wirtschaft - wie heute - als auf "confraternité de l‘art", wie es Max Liebermann formuliert hat. Dass das am besten funktioniert, hat die Kunst seit der Spätantike bereits bewiesen. Im 19. Jahrhundert blickten die deutschen Maler und Bildhauer immer neugieriger auf die anderen europäischen Länder. Natürlich war und blieb Italien der absolute Favorit. Eine besondere Stellung genoss Griechenland bei den hellenophilen deutschen Königs- und Fürstentümern. In dem Zusammenhang ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass ein einiges Deutschland genauso ein Phantom war wie ein einiges Europa.

Für uns heute ist spannend, was zum Beispiel politisch "dokumentiert" wurde: Da schildert elegant, großzügig und raffiniert im Tänzeln der Pferde Adolph Menzel für das Berliner Schloss die Begegnung von Blücher (Preußen) und Wellington (England), der Heerführer, die Napoleon bezwangen. Oder Heinrich Olivier zelebriert in einer gotischen Kirche "Die Heilige Allianz" zwischen Russland, Polen und dem Baltikum - vergangene Zeiten...

Aber für die Neue Pinakothek, die die Malerei des 19. Jahrhunderts beherbergt, sind vor allem die ästhetischen Verbindungen interessant. Deswegen räumte sie bereitwillig viele Säle leer, um die Präsentation "Blicke auf Europa" aufnehmen zu können. Und sie kann diese anreichern mit Arbeiten, die nicht in Brüssel dabei waren. Darüber hinaus wurden die übrigen Räumlichkeiten und Hängungen auf den "Gast" ausgerichtet. Eine willkommene "Auffrischung" der Neuen Pinakothek.

So nimmt der Betrachter überrascht zur Kenntnis, dass ein scheinbar biederer Carl Spitzweg die kühnen Freilichtmaler in Paris genau studierte und ihre naturverbundenen "Licht-Spiele" übernahm. Am Anfang des Jahrhunderts hatte der Stuttgarter Christian Gottlieb Schick in seinem Porträt der Lehrersgattin "Heinrike Dannecker" - Signal-Bild der Ausstellung - noch Stileinfluss und Politik problemlos vereint. Der Trikolore-Akkord und eine fast phrygische Mütze (Revolutions-Accessoires) zieren die junge Frau. Wach und unverkrampft schaut sie uns an - leger gekleidet, mit bescheidenen Feldblumen in der einen Hand, die andere höfisch kokett zum Gesicht führend. Hier verkörpert sich deutsches, bürgerliches, weltoffenes Selbstbewusstsein - einfach sympathisch. Deswegen nimmt Schick auch wie selbstverständlich Jacques-Louis Davids klassizistische Malweise für sich in Anspruch.

Mal ist es das Licht Italiens oder Skandinaviens, das die Künstler malerisch herausfordert, mal die gewissermaßen zu rekonstruierende Architektur des glorreichen Hellas‘ - imposant der Kontrast Schinkel (Berlin) und Klenze (München) ­, mal die reale von Granada bis London. Ganz pragmatisch schauen die Deutschen: Wie malt ein Belgier Historienszenen? Wie inszeniert ein Brite Porträts? Wie ein Italiener Heilige und Madonnen? Damals einigten die Deutschen Europa - unblutig, nur mit dem Pinsel.

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