Das beste Argument

- Entwarnung für Bayern 4: keine Primadonna, die eine flammende Rede parat hatte; kein Dirigent, der in überraschend gereichte Mikrofone sprach. Also auch kein Sendetechniker, der die Hörer daheim - wie kürzlich geschehen - vor Solidarität mit dem Münchner Rundfunkorchester "schützen" musste.

Dennoch, die Atmosphäre bei dieser konzertanten "Beatrice di Tenda" im Gasteig war emotionalisiert. Draußen Unterschriftensammler, im Saal ein Orchester, dem demonstrative Ovationen galten, und ein Dirigent, der den Schlussbeifall noch einmal auf die Musiker lenkte. Das beste Argument jedoch fürs Orchester lieferte dieses selbst. Angespornt von Friedrich Haider ließ es Bellinis Partitur in abgetönten Farben leuchten, überhitzte sie nicht, sondern zauberte Bläsersoli, geschmackvolle Kantilenen und rhythmisch sehr prägnante Ensembleszenen.<BR><BR>Wie schon bei seinen Einsätzen im Nationaltheater bewies Haider Kompetenz als Sängerfreund. Ein Dirigent, der flexibel auf vokale Erfordernisse eingeht, dabei den dramatischen Moment nicht aus den Augen verliert. Wäre aber auch Sünde bei dieser Besetzung: Statt final dem Wahnsinn zu verfallen, wie's im Belcanto oft so Sitte, gestaltete Edita Gruberova (nicht nur) Beatrices letzte Szene vor der Hinrichtung als Mezzavoce-Sensation. Eine bis in den Mikro-Bereich ausgetüftelte Deutung, die jeden Schweller, jede Verzierung, jede Nuance, jeden Stratosphären-Ton als emotionale Äußerung begreift. Das ist nie zirzensisch, sondern immer im Dienst des Werks, dabei von einer nach wie vor unerreichten Qualität.<BR><BR>Bellini nutzt ja eine typische Opern-Situation für zweieinhalb Stunden Melodienseligkeit: Die unglücklich vermählte Beatrice wird von einem anderen verehrt, der angeblich gehörnte Gatte Filippo schickt sie deshalb in den Tod. Vladimir Chernov gab das knorrige, etwas steifstimmige Filippo-Ekel, Raúl Hernandez (Orombello) den klugen Tenor-Stilisten, der erst spät Gefühl zuließ. Eine Überraschung: Elena Zhidkova (Agnese), deren Mezzo sich im hoch gelagerten Beginn noch verhärtete, später aber mit raumgreifender, dunkler Emphase in Richtung Verdi drängte. Eine Luxus-Besetzung auch der BR-Chor - der dem Rundfunkorchester heftig applaudierte. Vielleicht die einzig noch mögliche, senderinterne Solidarität. 

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