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Sie sind das Wichtigste im Buchhandel: Bestseller. Gekauft wird, was in den Charts oben steht. Der Münchner Piper-Verlag, mit seinem Stand ein Blickfang auf der Buchmesse, gehört zu den führenden Bestseller-Produzenten in Deutschland.

Frankfurter Buchmesse

Bestseller-Forschung: Das Erbgut der Stars

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Jeder Autor will ihn liefern, jeder Verlag ihn haben: den Bestseller. Was muss drinstehen, wie muss er aufgebaut sein? Eine Frage des Gespürs - und der Mathematik. Eine „Maschine“ kann das Potenzial eines Buchs in Sekunden bestimmen. 

Robert Menasse ist der Star der Frankfurter Buchmesse, er hat den Deutschen Buchpreis gewonnen. Mit seinem Roman „Die Hauptstadt“, der in der Brüsseler EU-Bürokratie spielt (wir berichteten). Darüber hat niemand zuvor geschrieben. Menasse, ein hagerer Österreicher, erzählt auf der Messe, dass ihm Absonderlichkeiten jedweder Art nun mal auffallen – wie bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz, wo neben der früheren Gaskammer ein Kaffeeverkaufsautomat steht. „Darauf die Schrift: Enjoy. Genieße! Ich bin immer auf der Suche nach so etwas, wie ein Trüffelschwein.“

Menasses frisch ausgezeichnetes Buch ist nun ein Bestseller. Das, was eigentlich alle zur Frankfurter Messe eingereichten Titel (es sind wieder Zigtausende) werden wollen oder sollen. Die Buchindustrie ist findig geworden, um möglichst vielen Werken das Prädikat Bestseller zukommen zu lassen. Media Control, das Unternehmen, das Charts aller Art erstellt und 88 Prozent der Bücherverkaufsstellen in Deutschland (sogar Supermärkte gehören inzwischen dazu) erfasst, hat gerade seine neuen Listungen vorgestellt. Aufgeteilt in Belletristik, Sachbuch, Ratgeber, Jugendbücher, Krimi, auch eine Hitparade der Sportbücher ist nun möglich, unterkategorisiert in Hardcover, Paperback und Taschenbuch, jeweils Top 25 und dazu noch die Top Ten der Aufsteiger. Deniz Ulucan, der Geschäftsführer von Media Control, sagt: „Es war der Wunsch der Verlage.“

Und der der Buchhändler. Daniel Lager, der einen kleinen Laden in Hamburg führt, ist zur Buchmesse gekommen. Er sagt, das Bildungspublikum seiner Stadt („Die pensionierten Pastoren, Rechtsanwälte und Lehrer“) würde solche kommerziellen Listen zwar ablehnen, doch er habe davon profitiert, dass er ein eigenes Bestseller-Regal in den Eingangsbereich gestellt habe. Sein Bericht aus der Praxis: „Die Kunden sagen: ,Ich kenne das nicht, aber es ist auf der Bestsellerliste, also muss es gut sein. Packen Sie’s mir ein.‘“ Daniel Lager räumt ein: „Durch Beratung verkaufe ich fünf Bücher am Tag. Den Großteil der Fixkosten – Miete, mein Gehalt – deckt der Absatz der Bestseller ab. Was ich da hinstelle, ist bereits in zwei Stunden weg.“

Das ist aber immer schon die große Frage der Buchbranche gewesen: Was muss ein Werk haben, damit es ein kommerzieller Erfolg wird? Tatsächlich gibt es seit Jahrzehnten eine Bestseller-Forschung, zuletzt wurde sie forciert an der renommierten Stanford-Universität in Kalifornien, die 20 000 Bücher auswertete, die sich im Lauf der Literaturgeschichte gut verkauft haben. Gibt es Gemeinsamkeiten, ist so etwas wie eine Bestseller-DNA zu entschlüsseln? Kann man sich dem Geheimnis des Lesegeschmacks mathematisch annähern?

Deutsche Linguisten haben die Stanford-Erkenntnisse übernommen und 6000 deutschsprachige Bestseller in die Datenbank eingespeist. Die Firma QualiFiction bietet auf der Buchmesse den Verlagen erstmals eine Software an, die Manuskripte in der Cloud auf ihre Erfolgsaussicht hin bewertet. Und das quasi live. Nach einer halben Minute soll der Bestseller-Score vorliegen. Wie das geht? Anhand der fünfzig meistverwendeten Begriffe wird die Thematik eines Werks erfasst, der Anteil an Schilderung körperlicher Nähe etwa, an Liebe, Verlust, Schicksal (die Klassiker). Ist die Sprache optimistisch oder düster? Wie wirkt das Buch dadurch auf die Leser? Es entsteht eine „Sentiment-Kurve“. Und die ähnle sich bei Büchern, die gut gingen.

Es lasse sich sogar errechnen, wie verwandt ein Buch mit dem anderen ist. Beispiel: „Das Lavendelzimmer“ von Nina George und „Bella Germania“ von Daniel Speck, Sommerhits der vergangenen Jahre. „Was sagt die Maschine?“, fragt QualiFiction-Geschäftsführer Ralf Winkler die Software. Sie antwortet: eine 49-Prozent-Ähnlichkeit, obwohl das eine ein Paris-Roman ist und das andere eine in Mailand und München spielende Gastarbeitergeschichte.

Die neue Methodik solle allerdings nicht dazu führen, dass die Autoren berechnend schreiben, versichert Winkler, „sondern um Fälle wie die von Joanne K. Rowling oder Sebastian Fitzek zu vermeiden“. Sie hatten früher von zig Verlagen Absagen bekommen – „weil die gar nicht die Zeit hatten, die Manuskripte, die ihnen zugeschickt werden, zu lesen“. Die Software hätte ihr Starpotenzial erkennen können.

Roman Hocke ist einer der Strippenzieher im Büchergeschäft. Er war der Lektor von Michael Ende, heute ist er Literaturagent, zu seinen Schützlingen gehören besagter Sebastian Fitzek oder Charlotte Link. „Ich bekomme zehn Manuskripte pro Tag zugesteckt“, sagt er. Auf der Frankfurter Buchmesse werde seine Agentur in fünf Tagen mit 500 Titeln konfrontiert. Er will die Texte trotzdem klassisch prüfen: „Ich habe keinen Algorithmus, ich habe Gespür“, meint Hocke. Das Skript, mit dem Sebastian Fitzek sich bei ihm bewarb, ließ er in einer Schublade verschwinden. Er entwickelte Fitzek zwei Jahre lang und ohne eine Veröffentlichung „zu einem deutschen Thriller-Autor“. Nun kann er mit Fitzek in großen Kategorien denken: „Da geht es um Auslands- und Filmrechte, um die Tauglichkeit als Bühnenstück oder Musical.“ Der neue Fitzek („Safe House“) ist kein Buch, sondern ein Spiel.

Roman Hocke sagt, für ihn sei das Wichtigste an Literatur, „dass die Struktur originell ist. Dann wache ich auf.“ Er würde abstumpfen, wo die QualiFiction-Maschine ihr Plazet gibt: noch ein Mittelalter-Roman von Ken Follett, noch ein Bibelentschlüsselungs-Krimi von Dan Brown, noch ein paar Skandinavien-Morde.

Literatur lebt in Zeiten der Mathematik-Programme also doch und mehr denn je vom Überraschungsmoment. Davon, dass einer wie Robert Menasse in die Brüsseler EU-Kommission eintaucht und seinen Lesern erzählt, „dass es dort Familien gibt, die bereits in der dritten Generation Beamte sind“. Auf einmal mögen die Leute so etwas lesen, „in Belgien“, so berichtet Menasse erheitert, „feiert man mich als Begründer des Brüsseler Stadtromans“. Die Maschine muss „Beamter“ und „EU“ als neue Bestseller-Begriffe nachtragen.

Informationen:

Die Frankfurter Buchmesse dauert noch bis zu diesem Sonntag; Details zum Programm und zum Vorverkauf unter www.buchmesse.de; im kommenden Jahr findet sie vom 10. bis 14. Oktober statt, Gastland ist Georgien.

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