Besuch in der Blaubartklinik

Salzburg - Rätselhaftes Endspiel: Johan Simons inszeniert im Großen Festspielhaus einen Bartók-Abend

Einen natürlichen Feind hat dieses Stück: den Regisseur. Einfach deshalb, weil der berufsmäßig nach Konkretisierung drängt, alles sichtbar machen will, während "Herzog Blaubarts Burg" doch am besten im Nebel des Symbolistischen, des Ungreifbaren aufgehoben ist: Ist Blaubart der Böse? Ein Frauenmörder und Serientäter? Oder muss Judith angeklagt werden? Als wissensdurstige Verführerin? Als Entblößerin einer armseligen Existenz, rücksichtslos, durchtrieben - oder einfach nur naiv?

Dass diese Salzburger Festspiel-Inszenierung gleich eine Parade von Fragezeichen produziert, geht also prinzipiell in Ordnung. Obgleich eines eindeutig ist: Regisseur Johan Simons, ab 2010 Chef der Münchner Kammerspiele, nimmt seinen Geschlechtsgenossen in Schutz und zeigt den Herzog in hilfloser Passivität. Statt zur finalen Szene einer Ehe bittet Simons zum Besuch in die Blaubartklinik. Sie: eine Krankenschwester, die ihren Patienten auf der Bühne des Großen Festspielhauses herumkurvt, ihn schon mal aus dem Rollstuhl kippt, aber meist exakt mittig platziert. Und er: ein alter Offizier, blind, mit klobig-futuristischer Armprothese und schwarzen Federchen auf dem Rücken.

Ein Geheimnis umweht diese beiden, eine gemeinsame, kaum angedeutete Vorgeschichte. Kündet Judith begeistert von den Dingen hinter den sieben Türen, sehen wir genauso viel wie Blaubart mit der schwarzen Brille. Innere Bilder, die Reales, dank Béla Bartóks großartiger Partitur, ja immer ausstechen. Stark ist, dass Simons so inszeniert, als arbeite er schon an den kleinen Kammerspielen. Ein intimes, präzises (End-)Spiel, ein bisschen Beckett, ein bisschen Kafka, das ein provokanter Kontrast zur Riesenbühne ist. Die drei Kleider von Judiths Vorgängerinnen sind die einzigen Requisiten. Es ist das letzte Zusammentreffen eines symbiotisch aneinandergeketteten Paares. Rätselhafte Szenen sind zu sehen, liebevoll, zynisch, manchmal sadistisch. Aber eben doch weit hinter Bartóks Wirkungen zurückbleibend.

Ein Glücksgriff dagegen, den deutschen Maler Daniel Richter zu engagieren. Seine schwarz-weiße Baumkrone ist Hintergrund für den "Blaubart". Noch eindrücklicher aber seine riesige Stadtansicht, die in verspielter, collagenhafter Fülle Bartóks vorausgehende "Cantata profana" mit dem Titel "Die neun Hirsche" dominiert. Eine halbstündige spektakuläre Augenweide mit Häuschen, auf dem ein aufgeblasener Wellensittich liegt, ein Schautheater, an dem man sich nicht sattsehen mag. Die Mitglieder des exzellenten Wiener Staatsopernchores neigen sich aus Luken, während unten Tenor Lance Ryan und Bariton Falk Struckmann im Smoking die Reste einer konzertanten Aufführung bilden.

Eigentlich war dieser pausenlose Bartók-Abend, so ist zu hören, als durchgängige Regie-Arbeit geplant. Die Erben des Meisters indes hätten dies verhindert und nur die Inszenierung des "Blaubart" gestattet. Ein Kompromiss, der diese Produktion zum Episoden-Tripel verdammt - auch wenn André Jung, der den Text der Cantata profana und den "Blaubart"-Prolog als lakonischer Conférencier spricht, eine Klammer bildet.

Denn auch Bartóks "Vier Orchesterstücke" funktionieren als überlange Ouvertüre nur bedingt. Zumal Dirigent Peter Eötvös nicht das bekommt, was er von den Wiener Philharmonikern will. Struktur und Kraft ja, Glanz, Finesse und jenes charakteristische, Bartók'sche Klangleuchten nein. In Ansätzen zumindest im "Blaubart", den Falk Struckmann mit grobkörnig-machtvoller Stimme und für ihn überraschend genauer Diktion an sich reißt. Michelle DeYoung (Judith) muss nicht nur im unvorteilhaften Schwesternröckchen stöckeln, sie kann sich auch mit neutralem, zu kleinformatigem Mezzo selten gegen die Wiener durchsetzen.

Dennoch großer Jubel inklusive ein paar Buhs für das Team um Johan Simons. Nach szenischen Dickmachern à la "Roméo et Juliette" setzt Salzburg seine Gäste auf Regie-Diät. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Auch wenn an diesem Abend der Verdacht bleibt: Ob die perfekte Aufführung für den "Blaubart" womöglich doch die konzertante ist?

Weitere Aufführungen

am 14., 18., 23.8. (0043/ 662/ 8045-500).

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