Besuch einplanen

- Man müsste einmal durchrechnen, wie viele Hans-van-Manen-Stücke an wie vielen Theatern weltweit getanzt werden. Mit den ab sofort 13 im Bayerischen Staatsballett käme man sicher auf eine Guinness-würdige Rekordzahl. Und erstaunlicherweise sind des holländischen Meisters "Spätwerke" so frisch, so zeitgemäß wie die von 40 Jahre jüngeren Kollegen. Siehe nur das rasante Männertrio "Solo".

<P>Jetzt hat Ballettchef Ivan Liska "Solo", "Fünf Tangos", "Black Cake" und zwei für München neue Duos zu einem "Porträt Hans van Manen" zusammengestellt. Der so Geehrte am Ende strahlend - und das Publikum im Nationaltheater jubelnd und dankbar.<BR><BR>Man hatte hier ja auch nicht zu klagen. Langweile kam nicht auf in diesem Bilderbogen, der die vielfältigen Facetten seines Schaffens aufblätterte: seine pure verschlankte Neoklassik. Die großräumigen Bewegungen von Tänzern in Reihen und Blöcken, die dabei reduzierte, fast minimalistisch wiederholte Gestik. Die Stopps, die Haltemomente in der Bewegung, mit einem sich unweigerlich ergebenden fotografischen Bild-Effekt. Und, so ganz typisch van Manen, das Herausstellen der Plastizität des Tänzerkörpers, der in Keso Dekkers hautengen Trikots geradezu transformiert wird zur bewegten Skulptur.<BR><BR>Van Manen ist immer hochästhetisch. Aber eben nicht nur. Seine Choreographien erzählen nichts, rangieren als abstrakt. Aber es geht darin doch immer um Beziehungen zwischen Menschen. Eine letzte Mutter-Sohn-Begegnung vielleicht das für München neue "Two" (1990). Die unterlegte Musik - Ferruccio Busonis "Berceuse é´lé´giaque" - ist eine Hommage des Komponisten an seine verstorbene Mutter. Ein Pas de deux in kraftvollen, scharf konturierten Figuren zwischen Annäherung und ehrfurchtsvoller Distanz, zwischen gegenseitiger Stütze und schließlich dem endgültigen Abschied.<BR><BR>Der Flirt des Ballettchefs</P><P>Lisa Maree Cullum und Erkan Kurt tanzen das in technisch kultivierter Form, im Ausdruck vielleicht eine Spur zu neutral. Ryan Ocampo, Lukas Slavicky und Wlademir Faccioni waren prächtige "Solo"-Flitzer. Manch anderer Neubesetzung fehlte noch das Funkeln über den Schritten. Also hinschauen, wie Lucia Lacarra, Alen Bottaini und Kiril Melnikow das machen.<BR><BR>Das berührendste Stück des Abends war eindeutig der andere Neuerwerb: "The old Man and Me" (1996). Judith Turos, Münchens Dramatische, und Ballettchef Ivan Liska selbst als reifes Paar beim spielerischen Flirt, der sich auf einer Parkbank anbahnt. Hinreißend. Das Stück, speziell entstanden für die Senior Company des Nederlands Dans Theatres - also für Tänzer ab 40 -, kommt ganz ohne Virtuosität aus und ist doch - Tanz pur. Zu John Cayles titelgebendem Song "The old Man and Me" umwirbt Judith Turos mit sexy gerollter Schulter und Hüftschwung ihn, den zunächst blasiert Abwartenden. Kriegt ihn herum zu ausgelassenem jugendlichem Toben. Nach scheinbarer Ermattung pumpen sie sich gegenseitig mit imaginärer Luftpumpe wieder zu voller Fitness-Statur auf - dies van Manens liebevoll ironische Anspielung aufs Älterwerden - und sind plötzlich im Ernst einer möglichen Zuneigung angelangt. Berührungen im Pas de deux, Zögern, Sich-Wiederfinden. Aber kein Happy End. Im schnellen Wechsel von Licht und Schatten sind ihre Silhouetten irgendwann ganz verschwunden - die Liebe nur noch eine flüchtige Erinnerung.<BR><BR>In diesem nachdenklich-melancholischen Teil ist bei Turos und Liska Tanz zur hohen Kunst des Schauspiels geworden, um die jüngere Tänzer noch kämpfen müssen. Es ist also an der Zeit, diese "Seniors" ein bisschen mehr zu pflegen. Wenn der normale Mensch demnächst bis 70 arbeiten soll, und es ja auch bei unseren westlichen Lebensbedingungen kann, dann sollten Tänzer mit entsprechenden Choreographien erst recht eine längere Berufschance erhalten.<BR><BR>Diesen Abend, teils vom Band, teils vom Staatsorchester unter Myron Romanul, irgendwann einplanen - schon wegen der "Seniors".<BR><BR>Die nächsten Vorstellungen des "Porträts Hans van Manen" im Münchner Nationaltheater: 11., 14. und 25. Februar. </P>

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