Besuch vom Zuhörer

- Dass er die Auszeichnung nicht längst bekommen hat, verwundert. Denn seine Vielseitigkeit, seine Neugier, seine Unabhängigkeit und seine Skepsis kompositorischen Schulen gegenüber machten Wolfgang Rihm zu einem der bedeutendsten Tonschöpfer der Gegenwart. Morgen erhält er im Münchner Cuvilliéstheater den mit 125 000 Euro dotierten Siemens-Musikpreis, der als "Nobelpreis der Musik" gilt. Rihm (51) stammt aus Karlsruhe, lebt und unterrichtet noch heute in seiner Heimatstadt.

Zu seinen Lehrern gehörten Wolfgang Fortner und Karlheinz Stockhausen. Rund 400 Stücke hat er geschaffen - von der Kammermusik über Symphonik bis zum Musiktheater. "Jakob Lenz" (1977) wurde eine der erfolgreichsten Opern des 20. Jahrhunderts.<BR><BR>Ist der Siemens-Preis eine Überraschung, Genugtuung? Oder macht Sie das stutzig?<BR><BR>Rihm: All dies stimmt - und wieder nicht. Überraschung? Einen sehr großen Preis, von der mitgeführten Materie her gesehen, habe ich bereits Mitte der 80er bekommen, den Rolf-Liebermann-Preis. Genugtuung? Selbstverständlich. Ich find's richtig. Wer etwas Gegenteiliges behauptet, wäre sofort durchschaut. Stutzig würde es mich machen, wenn ich daraus ableiten könnte: Jetzt geht's Komponieren leichter. Das tut es nicht, das bleibt mein Problem, mein Wunsch, mein Geheimnis, mein Können und Nichtkönnen.<BR><BR>Was ist für Sie Komponieren? Auswahl, Verdichtung von Vorhandenem oder etwas anderes?<BR><BR>Rihm: Das Vorhandene ist nicht die zentrale Kategorie. Ich will durch Verdichten finden, was ich nicht kenne. Manchmal sind das ganz einfache, konkrete Dinge: Ich möchte etwa Durchsichtigkeit oder Undurchdringlichkeit erreichen.<BR><BR>Für wen schreiben Sie? Haben Sie Ihren Zuhörer im Hinterkopf?<BR><BR>Rihm: Zuweilen wäre es erleichternd, ihn zu kennen. Unangeklopft ein Herr tritt bei mir ein: Habe die Ehre, Ihr Rezipient zu sein. Aber wenn sie vor 50 Leuten etwas spielen, hören 100 Ohren 50 Musiken. Natürlich brauche ich ein sprachfähiges Gegenüber. Jemandem, der nichts mitbringt, sage ich nichts. Ich teile nicht die Meinung, der Hörer sei ein anonymer Sack, in den man alles stopft. Wenn etwas nicht hineingeht, dann sei es auch nicht gut. Ich nehme den Hörer viel ernster. Ich betrachte ihn als potenziellen Gesprächspartner. Nur heute gibt es ein Problem: Bevor jemand etwas verstehen will, will er gesagt bekommen, es sei verständlich. Aber man wird doch erst von etwas Künstlerischem angezogen, wenn man's nicht schon in- und auswendig kennt.<BR><BR>Und wird diese Gruppe der Gesprächspartner kleiner?<BR><BR>Rihm: Sie ist größer, als man denkt. Sie ist nur umgeben von einer immer größeren Gruppe von ernst genommenen Sprachunfähigen.<BR><BR>Sie treten für den "unverstellten Tonfall" in der Musik ein. Müssen Sie das heute noch genauso fordern wie vor 20 Jahren?<BR><BR>Rihm: Heute sehe ich das gelassener. Mit "unverstellt" meine ich nicht, dass jemand sein Hemd aufreißt und sagt: Seht her, da sind meine Gefühle! Ich will nur nicht, dass sich eine musikalische Textur als Knüpfarbeit vordrängt, als Bastel-Anleitung. Es darf nichts vor der Musik stehen, was ihr Höherwertigkeit garantieren soll.<BR><BR>Sind Sie und Ihre Kollegen heute freier, was die Rahmenbedingungen der Arbeit betrifft?<BR><BR>Rihm: Kommt darauf an. Heute wird nach Quote geschielt, nach der Bestätigung durch Mehrheit. Das war früher anders. Junge Komponisten haben aber heute etwas, was ich seinerzeit nicht hatte: Ensembles, die ihre Musik aufführen können.<BR><BR>Aber der wirtschaftliche Rahmen verengt sich: die Finanznot der öffentlichen Hand, die Probleme von Konzertveranstaltern und CD-Firmen.<BR><BR>Rihm: Wobei bei Letzteren die allgemeine Auslaugung eines immer engeren Repertoires dafür verantwortlich ist. Am Schluss wird man nur noch drei Stücke spielen. Und stets wird gesagt: Das Publikum will es so - was in keiner Weise stimmt. Wenn man es nur einseitig ernährt, entstehen psycho-physische Folgen. Und dann müssen Diätmaßnahmen verordnet werden, die bekommen die Firmen gerade zu spüren.<BR><BR>Wenn Ihre Werke gespielt werden: Ist das eine Art Schock? Weil sich Realität eben doch von der Vorstellung unterscheidet?<BR><BR>Rihm: Es hat immer etwas von Erfüllung. Ich fiebere dem Augenblick entgegen, weil er etwas Nichtvorhersehbares bietet. Man passt sich vielleicht mit der Zeit den Realitäten an. Andererseits mobilisiert gerade das die kompositorische Intelligenz: trotz dieser Anpassung unangepasst weiterzukommen. Das Wissen muss die Fantasie anregen. Man erkennt, wo die Grenze ist - und kann sie so besser überschreiten.<BR><BR>Wenn Sie an den Beginn einer Komposition denken: Gibt es für Sie noch eine Sekunde Null? Werden "voraussetzungslose", weiße Notenblätter nicht immer seltener?<BR><BR>Rihm: Je mehr man arbeitet, umso mehr Voraussetzungen stehen auf dem Papier, obwohl es weiß ist. Der Zugewinn für mich besteht darin, dass man sich, je älter man wird, wirklich weiße Seiten vorstellen kann. Ich hab' ja als Kind angefangen zu komponieren, ganz ohne Anleitung. Wie Bildchen malen. Mit der Zeit zieht der Zweifel in die Seele, man wird konfrontiert mit dem Nichtkönnen. Doch es kann sein, dass die Seiten immer weißer werden.<BR><BR>Und wie beginnen Sie?<BR><BR>Rihm: Es gibt ja den schönen Satz: Jetzt gilt's. Und so ist es bei mir. Diese Selbstaufforderung: Spring über die Hürde! Los! Manchmal kreisen meine Gedanken schon um die nächste Arbeit. Am Ende, beim letzten Ton, wenn ich mit der Unzufriedenheit konfrontiert bin, tröste ich mich mit dem nächsten Anfang (lacht).<BR><BR>Richard Strauss hatte einen strengen Zeitplan: Frühstück, ein paar Stunden komponieren, dann brachte Pauline das Essen, dann Freizeit. Und Sie?<BR><BR>Rihm: Das passt nicht zu mir. Doch ich kenne solch streng strukturierten Tagesabläufe. Das hat ja etwas Mütterliches, es hebt einen sehr auf. Aber meine Hauptbeschäftigung ist, mir Zeit fürs Komponieren zu erkämpfen. Niemand hindert den Bundespräsidenten, Bundespräsident zu sein. Bei uns Künstlern ist das anders, irgendetwas kommt immer dazwischen.<BR><BR>Sie lehnen es ab, über Kunst zu sprechen. Andererseits existiert eine Vielzahl von Essays, Interviews und Programmheft-Beiträgen. Sind Sie sich da immer treu?<BR><BR>Rihm: Ich mache aus der Schwierigkeit, über Musik zu reden, keinen Hehl. Sie ist nicht "besprechbar". Und darüber rede ich unentwegt. Die beste Einführung in die Musik ist sie selbst. Doch ich kann sie nur kennen lernen, wenn ich ihr öfters begegne.<BR><BR>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR>

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