Als Besucher im Dschungel-Camp

Documenta in Kassel: - Über 500 Werke von 113 Künstlern präsentiert die Kasseler documenta 12, die an diesem Samstag ihre Pforten öffnet. Hier ein erster Rundgang.

Die documenta 12 ist eine Anti-documenta. Wer erwartet, dass die Weltkunst-Schau (Kosten 19 Millionen Euro) ein gültiges Urteil oder nur eine sichere Information über den Stand der aktuellen Kunst gibt, braucht gar nicht erst die Reise nach Kassel anzutreten. Der künstlerische Leiter Roger M. Buergel und seine Kuratorin Ruth Noack (seine Partnerin, mit der er zwei Kinder hat) beweisen mit dem Konzept der "Migration der Form", dass es nichts Neues unter der Sonne gibt.

Deswegen sind rund die Hälfte der Werke auf der documenta 12 (d12) alte Arbeiten: von persischer Miniaturmalerei aus dem 14. Jahrhundert über den rekonstruierten "Electric Dress" von Tanaka Atsuko (1956) aus einem Glühbirnen- und -röhren-Gewimmel bis hin zu Gerwald Rockenschaubs Farb-Rechteck à la Mondrian aus übereinander geschichteten Auslegeware-Stücken von 1991.

Man habe sich an den Fragen "Ist die Moderne unsere Antike?", "Was ist das bloße Leben?" (nach dem Philosophen Agamben) und - in Sachen Bildung - "Was tun?" orientiert. Währenddessen, so Buergel und Noack, sei man "auf historisch belegbare Formenschicksale" gestoßen. Das heißt, Kunst-Globalisierung habe es schon immer gegeben. Noch ein Grund, "Werke formalästhetisch zueinander in spekulative Bezüge zu setzen". Diese Erkenntnis ist gar nicht neu. Jeder, der mit wachem Auge zum Beispiel zeitgenössische All-over-Muster wahrnimmt, wird an Wände überwuchernde, arabische Schrift-Ornamentik denken. Buergel und Noack aber sind didaktisch beseelt, träumen wohl auch von einem kunsthistorisch unbeleckten, naiv-wahrhaftigen Publikum. Kenner, ob abgebrüht oder liebend, passen nicht recht in ihr Zielraster.

Beide Gruppen wird jedoch vereinen, dass sie zunächst einen Schock verkraften müssen. Vor allem, wenn sie als Erstes das Fridericianum betreten. Dort nahm 1955 die documenta-Legende ihren Anfang. Auch Gründer-Kurator Arnold Bode hatte nicht nur Zeitgenossen präsentiert, sondern auch Klassische Moderne. Aber er hatte dafür einen triftigen Grund: Die Deutschen mussten erst lernen, was ihnen von den Nazis vorenthalten wurde. Im Laufe der Jahrzehnte und der Erfolgsgeschichte wurden "documenta" und "Standortbestimmung der Kunst des Heute" gleichbedeutend. Die d12 unterläuft das. Vielleicht wollten Buergel/Noack "das ganz andere" bieten, oder eben das ist ihr Fluchtpunkt: Denn sie hatten Angst, jenem Anspruch nicht genügen zu können. Bisher hat sich jedes documenta-Team dieser Unmöglichkeit gestellt und etwas daraus gemacht - ob das einem gefiel oder nicht.

Viele mittelmäßige bis schwache Werke

Buergel/Noack jedoch wichen auf eine pädagogisch-kunsthistorische und liebenswürdig weltverbindende Ausstellung aus. Ihre Unsicherheit wird gerade in den Haupträumen Fridericianum und Aue-Pavillon - extra für die d12 geschaffen - körperlich spürbar. Die Schau beginnt uninspiriert im Zur-Schau-Stellen, chaotisch, benutzerfeindlich. Erst in den kleineren Orten, documenta-Halle, vor allem Neue Galerie und Schloss Wilhelmshöhe, findet die d12 zu ihrem Rhythmus (Bericht folgt). Ein bedeutendes Problem ist außerdem, dass es einfach zu viele mittelmäßige bis sehr schwache Werke zu sehen gibt. Was würde einen schon ein seltsames Ausstellungskonzept kümmern, entschädigten wenigstens die Exponate für alle Bizarrerien.

Im Fridericianum blickt man also über Zheng Guogus Wachstropfen-Wasserfall (2006) auf eine Serie von kunstgewerblichen Schriftgemälden (2003) von Atul Dodiya (Indonesien). Daneben die Polin Zofia Kulik mit ihren so witzigen wie bildungssprühenden Foto-Collagen aus den 80ern zwischen Rorschach-Testbild und Ornament. Sie sind oft besser als ähnlich geartete Arbeiten von Gilbert & George (derzeit im Münchner Haus der Kunst). Dazu kombiniert ein 90er-Jahre-Gemälde von Kerry James Marshall (USA), einem der besten Maler/ Zeichner der d12, sodann einem Foto-Rondell (2003) von Andrei Monastyrski mit güldenen Allegorien der Sowjetrepubliken aus der Stalin-Ära sowie Infos der allgemeinen Wasserversorgung das "Poetenblut", das Eleanor Antin (USA) von 1965 bis ‘68 feinsäuberlich auf 100 Objektträger sammelte. Kann so etwas funktionieren, wenn Buergel/ Noack den "normalen" Besucher ansprechen wollen? Oder glaubt der sich im Kunst-Dschungel-Camp und fleht: Holt mich hier raus.

Irgendwie war das dem Team wohl klar. Deswegen gibt es Lockstoffe, etwa Porno-Schmuddelecken - natürlich soziopolitisch veredelt ­, für die Juan Davila, Chilene in Australien, und Hito Steyerl, Münchnerin in Berlin, zuständig sind. Dann wird Fußball geboten. Eine pfiffige Spiel-Analyse von Harun Farocki auf zwölf Bildschirmen. Einfach schön, groß, heiter ist Iole de Freitas‘ (Brasilien) Plastik aus transparenten Polycarbonat-Flügeln und Stahl-Stangen, die zudem die Fridericianums-Fassade "beschwingen". Genuss auch mit Tänzerin und Choreographin Trisha Brown. Weniger durch ihre Zeichnungen als durch eine Art Trampolin-Netz, verziert mit den bunten Trainingsklamotten von Tänzern. Und ab und zu verzaubert live ihre Bewegungs-Verfremdung diese Objekt-Bühne.

Im 10 000 Quadratmeter großen, von außen unerträglich hässlichen, innen jedoch angenehmen Aue-Pavillon setzt sich das Wirrspiel fort. Besonders nervig, weil die Hallenweite durch Stellwände verbaut wird, die an dilettantisch gestaltetes Messe-Interieur erinnern. Dass man so etwas heute noch auf einer Top-Ausstellung zu sehen bekommt, ist kaum zu glauben.

Musikzauber und Märchenhorror

Hier also tummeln sich Werke aus Afrika, dem Nahen und Fernen Osten: etwa auf langen Rollbilder-Bahnen traditionell gemalt der Wandel einer chinesischen Straße vom Damals ins Jetzt (Lu Hao); oder Ai Weiweis Rettung alter Stühle, auf denen man documenta-überall sitzen darf, und alter Türen. Aus ihnen hat er, der 1001 Chinesen nach Kassel einlud, einen Tempel errichten lassen; oder Romuald Hazoumés Kahn aus Benzinkannen. Zeichen dafür, dass Afrikas Ölreichtum das Lebens-Schiff der Einheimischen zum Untergehen zwingt, als dass es erfolgreich schwimmen könnte.

In diese Vielgestaltigkeit von Themen zwischen Politik und Liebe, Musikzauber und Märchenhorror, von Formen zwischen Malerei, Objekt, Video, Foto, Zeichnung, Aktion sowie von künstlerischen Individuen haben die d12-Macher verschiedene rote Fäden eingelegt. Neben Ais Stühlen finden sich die minimalistische Ruhe von Rockenschaubs farbstarken Objekten, die Kraft von Kuliks Foto-Bildern oder von Charlotte Posenenskes mal konstruktivistischen, mal bautechnischen Plastiken. Traurig nur, dass Roger Buergel und Ruth Noack keine ganz frisch entstandene Kunst als rote Fäden eingewebt haben.

Documenta-Infos

Öffnungszeiten: Bis 23. September, täglich 10 bis 20 Uhr.

Orte: Fridericianum, Aue-Pavillon, Neue Galerie, documenta-Halle, Bergpark Wilhelmshöhe.

Karten: Tageskarte 18 Euro, ermäßigt 12 Euro; 2-Tageskarte 27/18 Euro; Gruppenkarte ab zehn Personen 14/9 Euro; Abendkarte ab 17 Uhr 8/5 Euro; Dauerkarte 90/60 Euro.

Weitere Infos/ Führungen: Tel. 018 05-11 56 11.

Kataloge: Katalog 34,99 Euro, Bilderbuch 39,99 Euro.

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