Der betagte Jüngling - Martin Walsers Roman "Ein liebender Mann"

München - "Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,/ Von dieses Tages noch geschloß`ner Blüthe?/ Das Paradies, die Hölle steht dir offen;/ Wie wankelsinnig regt sich`s im Gemüthe! -/ Kein Zweifel mehr! Sie tritt an`s Himmelsthor,/ Zu ihren Armen hebt sie dich empor."

Wunderfeine Gefühlsstudie und Hommage an Goethe

Martin Walsers "Ein liebender Mann", sein heute erscheinender Roman, läuft auf einen absoluten Höhepunkt zu: auf ein Gedicht. Es ist die vielstrophige Marienbader Elegie von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Walser, am 24. März 81 Jahre alt, bettet sie nicht nur in seine Erzählung wie das kostbare Herzstück einer Intarsie, sondern er macht sie auch zum Bestandteil eines Briefs von Goethe an Ulrike.

Der alte Herr, schon längst sein eigenes lebendes Denkmal, hat sich bei seinem Kuraufenthalt in Marienbad in die 19-jährige von Levetzow verliebt. Heiß, heftig, inniglich. Der unangefochtene Olympier ist wieder ganz antastbarer Jüngling - und weiß doch, dass er zu alt ist, dass man ihn belächeln und verspotten wird. Deswegen seine Flucht in das, was ihn stets gerettet hat, ins Schreiben. "Ein Roman, der Ulrike und ihn legitimierte", ist der Plan. "Ein liebender Mann" soll er heißen.

Aber diese "Legitimation" gelingt nicht 1823 und nicht Goethe, sie gelingt Walser 2007/ 08. Goethe wird seine gefährdete Sommerliebe, die ständig bemäntelt werden muss, aufs Herrlichste auskosten. Zuhause in Weimar wird er stärker und stärker daran leiden, muss noch mehr vertuschen, schauspielern und heucheln. Und es ist wie in der oben zitierten ersten Strophe der Elegie: Goethe taumelt zwischen Paradies und Hölle - "Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren..."

Martin Walser, der in all seinen Romanen der vergangenen Jahre das verrückte Karbolzen der Liebe unter besonderer Berücksichtigung der Alt-Jung-Groteske girlandenreich schilderte, schuf mit dem "Liebenden Mann" eine wunderfeine Gefühlsstudie und bewundernswerte Hommage an den Mega-Dichter der Deutschen. Walser macht es möglich, dass wir dem Menschen Goethe begegnen. Jegliches Klassiker-Klischee, ob unterwürfig oder schmähsüchtig, ist wie weggeblasen. So leicht es uns Walser macht mit jenem Herrn aus dem frühen 19. Jahrhundert, der uns gefühlsmäßig dennoch ganz nahe kommt, so wenig leichtsinnig geht er selbst vor. Politik, Gesellschaft und Gepflogenheiten bis hin zu Kleidung und Reisekutsche lässt der Schriftsteller des 21. Jahrhunderts beeindruckend selbstverständlich einfließen. Da spielt sich kein gekünstelter Kostüm-Schinken mit Liebesgeschichte ab, da wird wirklich gelebt.

Allerdings auf einem heute kaum vorstellbar kultivierten Niveau. Man weiß von Byron bis Humboldt über alles doch im Ansatz Bescheid. Aber auch das wird schwebend unverkrampft eingeflochten in das Gewebe der Erzählung, die bis auf Briefe von Ulrike ganz der Sicht Goethes folgt. Walser tippt nur an, nie zwingt er dem Leser das Gefühl auf, zu ungebildet zu sein, um das Buch verstehen zu können. Wer noch nie etwas von Goethes Farbenlehre gehört hat, erfährt das Nötige: dass sie umstritten war. Viel wichtiger ist, dass Walser damit Goethes Leidenschaft für das Sehen, den Blick, das Auge unterstreichen kann. Und eben zugleich dessen naturwissenschaftliche Neugierde. Daher ist die Episode über den exquisite Steine sammelnden Geheimrat genauso treffend wie seine Beunruhigung, als er die Schubert-Vertonung seines "Erlkönigs" hört. "Schmerzraserei" mäkelt der noch nicht liebesrasende Dichterfürst - bis es ihn dann so richtig erwischt.

Wenn Walser sonst gern den Satiriker gibt, pflegt er beim aktuellen Roman eher eine leise Ironie. Die freundliche Distanz des Humors entspringt zum Teil aus der klugen Selbstbeobachtung seines Goethe, aber auch aus Alltäglichkeiten, die Walser seiner Figur mitgibt: Da ist zum Beispiel Goethes charmantes Geplänkel mit Mutter und den drei Töchtern Levetzow, ein gesellschaftliches Spiel zwischen Seichtigkeit und Untiefen. Da ist die Unart des Dieners Stadelmann, Goethes Haare zu sammeln und an Fans zu verkaufen. Da ist aber auch die unverschämt eifersüchtige Schwiegertochter Ottilie, die den Groß-Schöpfer ganz für sich allein als Vorzeige-Objekt besitzen will.

Wer über Goethe und die Liebe schreibt, kommt um den ultimativen Liebesroman "Die Leiden des jungen Werthers" nicht herum. Und so reagiert bei Walser das elegante Marienbader Publikum auf den betagten "Werther"-Schöpfer und Frischverliebten mit verständnisinnigem Schmunzeln - und sogar freundlicher Begeisterung: Goethe darf sich einen Moment lang jung wähnen, als er auf dem Kostümball in "Werther"-Verkleidung mit Ulrike alias Charlotte tanzt.

Dieser Überschwang treibt ihn sogar zum Heiratsantrag. Nach dem Höhepunkt der Hoffnung folgt der beschwerliche Abstieg - durch die Sehnsuchts-Liebe. Der, der sonst Frauen schmachten ließ, leidet nun selbst und muss obendrein ein "komisches Verzichttheater", eine "kulturelle Kulissenschieberei" aufführen. Aber Goethe ist nicht Werther, er stirbt nicht an der Liebe: Er schreibt eines der schönsten Liebesgedichte der Welt, die Marienbader Elegie.

Martin Walser beweist in dem Roman "Ein liebender Mann" wieder einmal sein großartiges Talent zur feinsinnigen, ehrlichen und weisen Seelen- und Gefühls-Ausforschung. Human, humorvoll, hinreißend.

Martin Walser:

"Ein liebender Mann". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 287 Seiten; 19,90 Euro.

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