Betörende Hüften

- München bei Föhn - man weiß es: Die Alpen beginnen gleich hinter dem Altstadt-Ring, und ihre Gipfel rücken in die Skyline der Kirchtürme auf. Und die Münchner bei Föhn? Von Kopfschmerzen, Übellaunigkeit und Misslichkeiten aller Art entstellt. Einerseits. Andererseits so vollkommen modelliert wie nie sonst: jede Falte gestochen scharf, Körpervertiefungen und -untiefen in seltener Plastizität.

<P>Noch der entfernteste Nackte zum Anfassen nah: "Unser Freigelände ist unter Föhneinfluss übersichtlicher und nicht mehr so groß, gleichzeitig aber viel größer geworden. Man kann von einem bis zum anderen Ende die Haarlinie von Frau Heidenreich klar erkennen." Mehr noch: "Oder die alten Damen als Elfenbeinpüppchen. Die Biertrinker haben putzige kleine Biergläser, gelb und weiß, ihre Genitalzonen weisen winzige Hämmerchen auf, und überall sind Brüste zu sehen, in der Größe von Senfkörnern, mit äußerster Präzision dargestellt." <BR><BR>So die Wahrnehmung des passionierten Freibadgängers Alexander, der sich mit Strategien, die seinem antiken, zum Vorbild gewählten Namenspatron alle Ehre machen, Stück für Stück eine einflussreiche Position in der Freizone erobert. Die Grenzen der Bekleidung beim herkömmlichen Baden sind ihm nämlich zu eng geworden. Welcher Art seine Entgrenzungen nach dem ersten schreckhaften Ablegen der Badehose und im weiteren Verlauf bei seiner Sonnen- und  Schwimmerinnen-Anbetung sind, das beschreibt Ernst Augustin in seinem lustvoll zu lesenden Geniestreich "Die Schule der Nackten", Anleitung zum textilfreien Nach-Baden. </P><P>Spannend muss ein Buch ja schon sein, damit man es dem kühlen Nass längerfristig vorzieht. Mit Augustins Plansch- und Schmunzel-Brevier auf dem Frottiertuch aber ist der Schwimmbad-Leser akut Sonnenbrand gefährdet. Denn so schnell tauscht er die Geschichte über die betörenden Hüften der esoterisch bewegten Juliane und des ihr nacheifernden und -geifernden Alexander nicht mehr gegen die Sonnenmilchflasche aus. <BR><BR>Als hätte Augustin den Jahrhundert-Sommer vorausgesehen, hat der Arzt und preisgekrönte Münchner Literat ihm ein Denkmal gesetzt. Beginnend bei der Satire, der selbstironischen Beschreibung des ersten Nacktbadeversuchs, steigert sich der Ich-Erzähler in fantastische Eroberungsfeldzüge und desillusionierende Niederlagen hinein.</P><P>Liebevoll betrachtet der 60-Jährige die (anderen) alten Körper und begehrt die jungen. Abgewiesen von Juliane, schwört er ihr im Kreise der forschen Pool-Ältesten endgültig ab. Nur um dann doch mit ihr zum Tantra-Workshop zu fahren und in vollen Zügen die Selbstfindungsrituale - und das eigene Unverständnis dafür nicht minder - aufs Korn zu nehmen. Und weil er so gebildet ist und die irrwitzigsten Bezüge zu Vor- und Frühgeschichte und den antiken Hochkulturen herstellt, gerät dieses Buch zum prickelnden Vollbad in anspruchsvollster Unterhaltungsliteratur. Vorher eincremen nicht vergessen.</P><P>Ernst Augustin: "Die Schule der Nackten". <BR>Verlag C. H. Beck, München. <BR>255 Seiten, 19,90 Euro. <BR></P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Die Schule der Nackten - von Ernst Augustin </P>

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