Betrachter betrachten

- Kleine Wellen kräuseln sich sanft bis zum Horizont. Gemächlich bewegt sich die See und streckt nur feine, dünne Wasserzungen heraus bis auf den Sandstrand. Ein belangloses Foto einer belanglosen Küste - so lange, bis man den Titel liest: "Ulee Lheue Beach. Banda Aceh. Where the Tsunami hit." Taryn Simon hat im vergangenen Jahr eine ganze Reihe von Aufnahmen gemacht, die auf die unvorstellbare Katastrophe, ausgelöst durch eine Riesenwelle, reagieren.

Sensibilisiert durch die Beschriftung, erschrecken wir beim Anblick vom Fischer Jaloe, denn er taucht gerade in Fluten ein. Er ist genauso ein Überlebender wie die Ärztin Dr. Sri. Sie zeigt Simon im renovierten Operationssaal. Mit hochgezogenen Beinen sitzt sie auf dem OP-Tisch, als drohe das Meer, wieder den Boden unter den Füßen wegzureißen.

Foto-Gemälde

Diese Tsunami-Serie gehört wie viele andere Zyklen und Werkgruppen zu der neuen Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, "Klick Doppelklick - Das dokumentarische Moment", die Foto-Spezialist Thomas Weski kuratiert und fast perfekt gehängt hat. Eigentlich hätte die in ihrer stillen Wahrhaftigkeit berührende Sequenz von Taryn Simon (1975 geboren) am Anfang der Präsentation stehen müssen. Den besetzen stattdessen höchst saturierte Menschen in ihrem mit Statussymbolen voll gestopften Ambiente, die Tina Barney (1945 geb.) für "Die Europäer" abgelichtet hat. Dirndl, Janker und Lederhose fehlen dabei übrigens nicht.

Beide Künstler dokumentieren. Das ist dem Betrachter klar: gerade weil das so genannte Normale nicht eins zu eins abgebildet, sondern sehr genau in Szene gesetzt wird. Beide nehmen eine kritische Haltung ein, einerseits nachdenklich, andererseits satirisch. Entsprechen also dem Wortkern von "dokumentarisch", dem lateinischen "docere", "lehren". Auch wenn die Fotografen sicher nicht als oberlehrerhafte Wesen dastehen wollen, besitzen die Bilder doch Zielgerichtetheit. Diese kennzeichnet jedoch nur einen Teil der Werke im Haus der Kunst. Insofern ist der zweite Teil des Titels verwirrend. Und auch der erste verweist lediglich auf die beiden Technik-Möglichkeiten der Fotografie heute - analog und digital -, zumal es nicht nur seit Computers Zeiten, sondern seit Anbeginn dieses Bildmediums um Apparate-"Tricks" geht.

In die Anfangszeit datiert auch der Stil der "malerischen" Fotografie, die, wie die Ausstellung mit schönen Beispielen etwa von Patrick Faigenbaum (1954) oder Wolfgang Tillmans (1968) beweist, wieder ganz aktuell ist. Es gibt das fein getönte Porträt ebenso wie das Stillleben oder das abstrakte Werk. Es gibt aber auch das "Zitat" der alten, gewissermaßen klassischen Schwarz-Weiß-Fotografie. Und wir finden die imposante Geste des großformatigen Tableaus.

Polit-Wirbel

Im Hauptsaal werden diese Arbeiten in Staunen machender Weise zelebriert. Pathos darf sein: wenn Thomas Ruff (1958) die New Yorker Silhouette mit den berstenden Twin Towers in Farbquadrate zerlegt (Pixel); wenn Luc Delahaye (1962) in düsteren "Historiengemälden" einen toten Taliban neben den Redner Bush setzt,  neben  eine afrikanische Beerdigung die absolute Tsunami-Vernichtung. Im Zentrum derartiger Fliehkräfte unserer Erde steht die grandios gut gemachte Konferenz-Situation. Die "wichtigen" Leute nur von hinten gesehen, dafür in extrem breiter Tumult-Front die Medienvertreter: Politik als hektische Verwirbelung von Informationen. Hier beweist der und das dokumentarische Moment seine einmalige und darum faszinierende Leistungskraft.

Damit man der Macht dieser Bilder nicht ganz erliegt, wurde gegenüber ein Panorama aus fünf ebenfalls querformatigen Arbeiten Thomas Struths (1954) platziert. Sie konterkarieren gewitzt unsere Bilder-Süchtigkeit, indem sie andere Süchtige zeigen: Touristen, die sich in den Museumssälen von Florenz drängen. Nun im Haus der Kunst sind wir Betrachter, die Betrachter betrachten und erkennen, dass Museumsbesucher zu musealen Objekten werden können. Vielleicht sind ja auch wir schon Exponate . . .

Bis 23. April, Tel. 089/ 21 12 71 13; Katalog, Verlag Walther König: 48 Euro.

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