Erdogan erleidet Schwächeanfall bei Gebet

Erdogan erleidet Schwächeanfall bei Gebet

Betriebsfest mit Joschka und Angela

- Gott ist nicht tot, aber er sucht sich vielleicht gerade andere Propheten. Irdische Sprachrohre, die sich nicht im Gezänk verzetteln, die nicht einer fanatischen Reinheitslehre anhängen oder das Volk mit Wundern entertainen. Selbiges jedenfalls ist längst durchs Parkett gezogen und draußen, im Foyer der Hamburgischen Staatsoper angelangt, wo es von einer Feuersäule jubiliert, während Moses und Aron - unter Austausch letzter Spitzfindigkeiten - einfach in die Unterbühne gefahren werden.

<P>War wohl nichts mit dem Brüderprojekt. Also Vorhang zu - und heftiger Jubel, kein einziges Buh: In seiner zehnten Hamburger Produktion hat Regie-Star Peter Konwitschny, der 2005 endlich nach München kommen wird, die Premierengäste ohne Gegenwehr hinter sich gebracht. Das mag ein Gewöhnungseffekt sein, liegt aber im Falle dieser Aufführung an der exemplarischen Versinnlichung eines fast antitheatralen Stücks. Denn Arnold Schönbergs "Moses und Aron" hat ja weniger mit Rauschebärten, Charlton Heston und sich teilenden Fluten zu tun, sondern ist oratorisches Thesentheater, in dem der eine, Moses, vom "Einzigen, Unvorstellbaren" predigt, während der andere, Aron, sich um die Verbildlichung solcher Grübeleien sorgt.</P><P>Aron jedenfalls hätte sich bestens mit Konwitschny verstanden. Denn der Regisseur konkretisiert den sperrigen Zweistünder, serviert ihn als Theatererlebnis, das den Zuschauer keine Sekunde aus der Spannung entlässt. Dabei treibt Konwitschny die Unvereinbarkeit des Bruderpaares auf die Spitze. Moses: der Hüne im Pelz, der in kosmischer Sternennacht nicht das Mäh seiner Schafe, sondern ihre geheimnisvollen "Stimmen" vernimmt. Und Aron: der missgelaunte Praktiker, der sein Bruderherz in der Küche mit Blechkuchen und Kaffee empfängt, der einen Latex-Vamp als Schlange und einen Kleinwüchsigen als Moses-Ebenbild herbeizaubert. Und der, um das Volk endgültig aufzurütteln, zum Mittel der Selbstverwundung greift.</P><P>Kammermusikalisches von Ingo Metzmacher</P><P>Ihr dumpfes Volk, das fanatisiert nach Göttern drängt, die "funktionieren", dieses Volk finden Konwitschny und Ausstatter Johannes Leiacker in einer schmuddeligen Kantine mit Cola-Automat. Was zwar altbacken, nach Befreiung der Werktätigen schmeckt, in seiner szenischen Konsequenz aber einleuchtet. Der "Tanz ums Goldene Kalb" gleitet also ins wüste Betriebsfest - inklusive Geldscheinverbrennung, Bockwurst für alle und Gruppensex an der Rampe. Dass auf dem Gipfel der Belegschaftsgaudi die "Stammesfürsten" mit Gerhard-, Joschka- und Angela-Masken hereintraben, dass der Kanzler einen Unliebsamen abknallt und die CDU-Vorsitzende einen Selbstmörder mit einer weißblauen Rautenfahne bedeckt, ist zwar hübsch provokativ, aber auch verzichtbar.<BR>Abgesehen von solch Aufregern gelingt Konwitschny mit "Moses und Aron" eine ungemein geschlossene, zugleich unprätentiöse Arbeit. Und ergänzt wird das von einem Dirigenten, der um das Konstruktivistische Schönbergs, um die Zwölfton-Tüfteleien und das Instrumentalgewirk wie kaum ein anderer weiß. </P><P>Doch Ingo Metzmacher nutzt mit dem Philharmonischen Staatsorchester dieses Wissen für eine ungewöhnlich emotionale, kammermusikalisch abgetönte, sehr körperhafte Interpretation. Fast vorsichtig fasst er die Verkündigungsszene an, spannt zwar später den Ausdrucksbogen bis zur harschen Skurrilität der Massenszenen. Doch was er dabei entdeckt, was auch der so partiturtreue Konwitschny nur zu gern aufnimmt, überrumpelt: Der "Tanz ums Goldene Kalb" zum Beispiel, Angelas und Gerhards humoristische Schwof-Nummer - ist ein langsamer Walzer.</P><P>Allem Bruderzwist zum Trotz: Hauptakteur im Schönberg-Opus, das vor 50 Jahren konzertant in Hamburg uraufgeführt wurde, ist der Chor. Und Konwitschny spielt hier einen seiner größten Trümpfe aus: die individualisierte Führung der Massen, die kleinen Charakterporträts am Rande, die Sängerinnen und Sänger nie zur anonymen Klangfront stempeln. Seit über einem Jahr hatte man an der wohl schwierigsten Chorpartie musikalisch geprobt - und das Ergebnis ist grandios.</P><P>Wie überhaupt hier ein Ensemble zusammengeschweißt wurde, das sich (typisch Konwitschny-Regie) das Stück zu seiner ureigenen Angelegenheit gemacht hat. An der Spitze Reiner Goldberg als Aron. Jener Sänger also, der in den 80ern durch nervlich bedingte Absagen Aufsehen erregte und der nun mit unangekränkeltem und nachdrücklich eingesetztem Heldentenor eine Muster-Deutung abliefert, bei der man gar keine Obertitel gebraucht hätte. Frode Olsen (Moses) bewältigt den so schwierigen Sprechgesang ohne Pathos, ist in seiner virilen Natürlichkeit kein Propheten-Monument, sondern ein fast in sich Gekehrter, ein müder Mann vom Lande, der kaum zu begreifen scheint, was mit ihm passiert.</P><P>Dass Konwitschny den Bruderzank in den Mittelpunkt rückt, dass er die Kommunikationskluft zwischen Prophet und Volk mit leichter Hand auf die Bühne bringt, zeichnet diese Inszenierung aus. Die Politisierung lockte, doch Anspielungen auf Holocaust, Kulturkampf, Palästinenser oder Orthodoxe sind nicht zu sehen, werden dafür vom Betrachter wie unbewusst mitgedacht. Ein Plus dieser Inszenierung, aber auch ein kleines Problem, blendet sie doch den religionsphilosophischen Überbau fast aus. Wenig Moses also _ und ein bisschen viel Aron.<BR>Andere Propheten braucht das Volk: Frode Olsen (Moses, li.) und Reiner Goldberg (Aron) in Peter Konwitschnys exemplarischer Deutung des Schönberg-Werks für die Hamburgische Staatsoper.</P><P>Die Handlung</P><P>Moses erhält einen göttlichen Auftrag, und Aron soll die Gedanken seines Bruders aussprechen. Beide sind von der Aufgabe überforert. Moses spricht vom unvorstellbaren Gott, Aron versucht es mit Wundern. Als Moses auf den Berg steigt, um die Gebote zu empfangen, verlangt das unwillige Volk seine alten Götzen zurück. Ein Opferritual mündet in eine Orgie. Es kommt zum Streit zwischen Moses und Aron. Während das Volk ins gelobte Land zieht, versinken die Brüder in Verzweiflung.</P><P>Die Besetzung</P><P>Dirigent: Ingo Metzmacher. Regie: Peter Konwitschny. Ausstattung: Johannes Leiacker. Chor: Florian Csizmadia. Darsteller: Frode Olsen (Moses), Reiner Goldberg (Aron), Gabriele Rossmanith (junges Mädchen), Jörn Schümann (Ephraimit), Andreas Hörl (Priester) u.a.<BR><BR></P>

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