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„Man sollte mich generell nicht mit meinen Filmfiguren verwechseln“, sagt Woody Allen. Machen wir auch nicht. Versprochen. Denn in seinem neuen Film „To Rome With Love“ spielt der 76-Jährige einen recht inkompetenten Regisseur.

Woody Allen über seinen neuen Film

„Im Bett hat Humor nichts verloren“

München - Er ist einzigartig in der Filmgeschichte: In 43 Jahren hat Woody Allen 42 Kinofilme geschrieben und inszeniert, 23 Mal wurde er für den Oscar nominiert, vier Mal hat er ihn gewonnen.

Sein neuer Film „To Rome With Love“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, spielt in Rom – doch zum Interview treffen wir den Stadtneurotiker in Paris. Auf dem rechten Ohr hört er nicht mehr gut, aber die Augen hinter seiner schwarzen Hornbrille blitzen hellwach: Noch immer sprüht der 76-Jährige vor Esprit.

Wie viel von Ihnen steckt in der Figur des schrulligen Regisseurs, den Sie in „To Rome With Love“ verkörpern?

Nun, ich hoffe, nicht allzu viel, denn dieser Regisseur ist ziemlich inkompetent! Man sollte mich generell nicht mit meinen Filmfiguren verwechseln. In Wirklichkeit bin ich nämlich gar kein Intellektueller: Mein erstes Buch habe ich mit achtzehn Jahren gelesen. Ich habe mich überhaupt nur mit ernsthafter Literatur befasst, weil ich merkte, dass das bei vielen Frauen gut ankam. Ich schließe mich nicht abends mit dem Werk eines dänischen Philosophen im Zimmer ein, um mit dem Bleistift kluge Anmerkungen an den Rand zu kritzeln. Stattdessen sitze ich lieber mit einem kühlen Bier vor dem Fernseher und sehe mir ein Basketball-Spiel an.

Stimmt es, dass Sie Ihren Schauspielern am Set fast keine Anweisungen geben?

So ist es. Wozu auch? Sie sind großartige Darsteller, sie können lesen, sie haben ein Hirn – das heißt: Sie verstehen das Drehbuch, man muss sie einfach nur spielen lassen. Ich mische mich nur ganz selten ein: Wenn ich das Gefühl habe, dass etwas in die falsche Richtung läuft. Bei mir darf auch jeder seinen Dialogtext ändern – Hauptsache, die Darstellung ist glaubwürdig.

Aber wie können Sie das beurteilen, wenn die Schauspieler – wie Roberto Benigni in „To Rome With Love“ – in einer für Sie fremden Sprache sprechen?

Man spürt es einfach. Bei „Vicky Cristina Barcelona“ habe ich beispielsweise Penélope Cruz und Javier Bardem gebeten, ihren Streit zu improvisieren. Ich spreche kein Spanisch und habe bis heute keinen blassen Schimmer, was sich die beiden in jener Szene eigentlich an den Kopf geworfen haben. Doch man hat gemerkt, dass die Emotionen stimmig waren.

Penélope Cruz spielt auch in „To Rome With Love“ wieder mit…

Ja, denn als sie hörte, dass ich in Rom drehen würde, rief sie mich an und verriet mir, dass sie perfekt Italienisch spricht. Das war für mich wie ein Weihnachtsgeschenk: Sie ist einfach eine Naturgewalt – nicht nur sehr sexy, sondern auch eine tolle Schauspielerin. Ich habe ihr die Rolle einer temperamentvollen Edelhure auf ihren schönen Leib geschrieben.

Der Film erzählt vom Ruhm in Rom. Genießen Sie Ihren Promi-Status?

Inzwischen schon. Am Anfang meiner Karriere fand ich es gruselig, dass Leute mich auf der Straße erkannten und ansprachen. Ich schämte mich, wenn ein Türsteher sagte: „Kommen Sie nach vorn, Mr. Allen, Sie müssen sich doch nicht in diese Schlange einreihen!“ Aber wenn man jahrelang als Berühmtheit verhätschelt wird, gewöhnt man sich an die Privilegien, obwohl man sie überhaupt nicht verdient. Man erwartet schon fast, dass der Chef eines notorisch ausgebuchten Restaurants sagt: „Für Sie haben wir selbstverständlich noch einen Tisch, Mr. Allen!“

Im Film blickt ein Architekt mit Wehmut auf einige Fehler in seinem Leben zurück. Geht es Ihnen ähnlich?

Interessanterweise bereue ich nichts, was ich je getan habe, sondern nur gewisse Dinge, die ich nicht getan habe. Als ich 1965 für die Dreharbeiten zu „Was gibt’s Neues, Pussy?“ in Paris war und mich unsterblich in die Stadt verliebte, bot sich mir die Möglichkeit, dort zu bleiben – doch ich kehrte panisch nach Amerika zurück. Ich könnte mich ohrfeigen dafür, dass ich jene Chance nicht genutzt habe.

Bereuen Sie auch Versäumnisse in Liebesdingen?

Definitiv. Heute denke ich beispielsweise, ich hätte aktiv um bestimmte Frauen werben sollen; damals war ich dafür schlichtweg zu feige. Jungen Leuten würde ich prinzipiell raten, Gelegenheiten zum Liebesspiel tunlichst nicht zu verschmähen – sie sind selten genug. Ich meine, wenn ein Mann und eine Frau wie in „To Rome With Love“ schon durch einen Zufall im selben Hotelbett landen, dann sollten sie das letzte Wegstück bis zum Höhepunkt ruhig auch noch gemeinsam zurücklegen.

Konnten Sie mit Ihrem Humor nicht automatisch bei den Frauen punkten?

Wenn Frauen gefragt werden, was sie an einem Mann besonders attraktiv finden, antworten sie oft: „einen Sinn für Humor“. Es verblüfft mich immer wieder, dass die Damen offenbar so ticken – und es freut mich natürlich sehr, denn sonst hätte ich wohl kaum Chancen gehabt, bei ihnen zu landen. Im Übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Humor auf dem Weg zu sexuellen Aktivitäten zwar durchaus förderlich sein kann, aber während des Beischlafs eher kontraproduktiv ist. Im Bett hat Humor nichts verloren. Ich würde sogar sagen: Vögeln und Lachen schließen sich gegenseitig aus!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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