Ein Bett für die Vernunft

- Schnee, Descartes und Deutschland im Dreißigjährigen Krieg - nichts, was ein Buch zum begehrten Reißer macht. Schon gar nicht, wenn Reime und Versfüße das alles in ein traditionsschweres Raster zu pressen drohen. Und doch ist Durs Grünbeins 42-teiliger Gesang "Vom Schnee oder Descartes in Deutschland" ein Buch, das echte, ehrliche, ja stürmische Begeisterung auslöst. Man möchte ständig daraus zitieren, so gescheit, witzig, locker und schön die Sätze.

<P>Descartes, Deutschland<BR>und die Pferdeäpfel<BR><BR>Ob die weiße Bruegel-Landschaft, kältestarr, ob der junge französische Kerl in den weißen Plumeaus, warm und langschläfrig, ob der spitzfindige "Erzähler", der uns Leser plötzlich wieder ins Jahr 2003 hineinzerrt, ob die Kriegsbestie Mensch, Grünbein fügt das alles in beglückenden, staunen machenden Versen und Strophen zu einem wunderbaren Sprach-/Denkkunstwerk. Ein so sinnlicher wie intellektueller Genuss, der zwar Wachheit verlangt, aber eben niemals mit schein-elitärem Schwurbelwort-Getue ermüdet. </P><P>Hingerissen von des Dichters Wort ist der Leser - und lässt sich widerstandslos hineinziehen in die Welt des "Cogito ergo sum". Dennoch misstraut der Künstler dem Mathematiker und Philosophen. Der Mann der Kunst erzählt, besingt, bereimt die ganze Welt, nicht nur die des reinen Weiß', der reinen Ratio (Geometrie, Organisches als Maschine). Er jagt also seinen René Descartes (1596- 1650) durch die Träume, die Angst, durchs Irrationale. Ausgerechnet das schenkt Erkenntnis; genauso wie der Diener Gillot, Widerpart des Denkers. Gillot erdet - wie das Pferd, das ins Zimmer äpfelt - seinen Herrn: in Kälte, Hunger, Tod, mit Pragmatismus, Sinnenlust, Gefühl. </P><P>Wenn Descartes schläft, denkt, schreibt - arbeitet, isst, liebt Gillot. Er fängt die Lebensfremdheit des Philosophen auf. Er sieht das erfrorene Bauernkind. Er erinnert sich an die Gräuel in Flandern und beschreibt damit, was nach dem Winter auf Deutschland zukommt: "Da lag ein Mädchen, das Gesicht von einem Federhut/ Bedeckt, zerfetzt die Strümpfe, neben einer toten Ziege./ Lag da, als schliefe sie, in einem Nest von braunem Haar./ Ich, wie berauscht, greif mir den Hut - da schwirren Fliegen/ Aus ihrem Rock, und da erst seh ich, starr, das Augenpaar."</P><P>Durs Grünbein verschränkt in seinem Schnee-Werk, das er dem verstorbenen Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gewidmet hat, Elemente des Epos', der Ballade, des mittelhochdeutschen Tagelieds und des Gedankenaustauschs à la Lessings "Ernst und Falk". Er verwebt also Erzählerisches, Dramatisches, Lyrisches mit einer Dialogform, die dem fragenden Nachbohren eines Sokrates folgt. Das alles funkelnd vor Geistesblitzen, schwebend durch Humor, hochgebildet in einer großzügigen Selbstverständlichkeit. Im Zentrum der 42 Gedichte steht Descartes' Überwinterung 1619/20 in einem Kaff bei Ulm, wo ihn sozusagen der Blitz der Philosophie trifft: "Schnee abstrahiert. Nehmt an, er hat das Bett gemacht/ Für die Vernunft. Er hat die Wege eingeschläfert,/ Auf denen der Gedankengang sich sonst verirrte."</P><P>In kurzen Impressionen, Reflexionen und Anekdoten begleitet Grünbein dann den berühmt Gewordenen, seinen Diskurs mit Prinzessin Elisabeth von Böhmen und der schwedischen Königin der Kälte, Christina. In ihrem Reich wird er sterben - und sich an damals erinnern: ",Gillot wie spät? . . ./ ,Und dies Geräusch? Was klappert dort wie ein Skelett?/ . . .  Hellwach lag er. Und hob die schweren Lider, voluptuös,/ Die große Nase. Ein Barockgesicht wie aus dem Buch,/ Dann brach er ein, sank in den Schnee zurück, gefror./ Kein Pochen unterm Brustbein mehr. Descartes, encore . . ."</P><P>Durs Grünbein: "Vom Schnee". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 141 Seiten, 19,90 Euro.<BR></P>

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