Betuliches aus der Dunkelkammer

München - Literarische Schnappschüsse, mal über-, mal unterbelichtet: Übermorgen erscheint Günter Grass' neues, autobiografisches Buch "Die Box".

"Mariechen ist eine besondere Fotografin, weil sie eine altmodische Kastenkamera besitzt, die Agfa-Box heißt und im Krieg Bomben, Feuer und Wasserschäden überlebt hat, seitdem aber nicht richtig oder auf andere Art tickt, weshalb sie allsichtig ist und ganz außergewöhnliche Bilder macht." Mariechen, das ist Maria Rama, eine alte Fotografin und Freundin von Günter Grass, die quasi zur Familie gehörte und der der Schriftsteller mit seinem aktuellen Buch "Die Box" ein literarisches Denkmal setzt. Denn ihr, der inzwischen Verstorbenen, hat er seine "Dunkelkammergeschichten" gewidmet. Genauer gesagt, er hat ihr Andenken benutzt, um über sich zu erzählen.

Genauso wie er in diesem Buch seine Kinder bemüht, um über den Vater Auskunft zu erteilen. Fotografin und Nachwuchs also als stilistisches Gerüst, das Leben an dem Punkt fortzuschreiben, wo Grass (81) damit in "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) aufgehört hat: bei seinen Anfängen in Berlin. Und das in der bei ihm üblichen Fabulierlust.

Als wär's ein Märchen aus längst vergangener Zeit: "Es war einmal ein Vater, der rief, weil alt geworden, seine Söhne und Töchter zusammen - vier, fünf, sechs, acht an der Zahl -, bis sie sich nach längerem Zögern seinem Wunsch fügten." Nämlich mal die eine, mal die andere Tischgesellschaft zu bilden, um über ihren Vater "Gericht zu halten".

Es kommen bei den Zusammenkünften, bei denen immer ein Eintopf-Gericht auf dem Tisch appetitanregend dampft, lauter olle Kamellen zur Sprache. Themen werden angeschnitten, aber nie zu Ende geführt. "Weißt du noch...", so vielversprechend beginnt manches. Aber Grass, der ja hier derjenige ist, der die Worte, Fragen, Erinnerungen den erwachsenen Kindern in den Mund legt, weiß in Wirklichkeit natürlich über sie kaum Bescheid. Und was er sie wiederum über ihren Vater wissen und erzählen lässt, ist naturgemäß nur das, was er selbst zulässt.

So sind in diesem Buch die Wahrheiten nur Scheinwahrheiten, die Probleme nur Scheinprobleme, jede angedeutete Intimität nur eine Scheinintimität. Und es offenbart sich in allem eine doch erstaunliche Betulichkeit, wenn von "Väterchen" und "Mütterchen" die Rede ist; oder wenn Grass in seinem Bemühen um Heutigkeit sich mitunter zu einer Ausdrucksweise versteigt, die so etwas wie Jugendjargon darstellen soll.

Desgleichen fällt sein Über-die-Dinge-Hinweggehen unangenehm auf: Ob es sich nun um die Gruppe 47 handelt, die Grass einmal schlaksig erwähnt, um Schriftsteller Uwe Johnson, den er einmal als seinen Nachbarn in Berlin-Friedenau als Trinker "würdigt", oder um Willy Brandt, für den der Dichter sich einst auf Wahlkampftour befand.

Dieses familiäre Abrechnen ist vor allem eines: die große Koketterie des etablierten Schriftstellers und Nobelpreisträgers. Auf die Frage von Sohn Pat, "wem von den Geschwistern es besonders lästig gewesen sei, einen berühmten Vater zu haben", lässt Grass Tochter Lara erzählen, dass sie als Kind ein Dutzend Autogramme von ihm verlangt habe: "Hat er nur kopfschüttelnd gegeben, auf zwölf Blatt, dann aber gefragt: Sag mal, Tochterleben, warum so viele? Da hab ich gesagt: Für zwölf von dir krieg ich eins von Heintje."

Und auch "die ganze Nazischeiße rauf und runter" wird erwähnt, womit der Vater sein Leben lang beschäftigt war, sie "abzuarbeiten". So viel zur Waffen-SS in diesem Buch. Sehr lässig das alles, um nicht zu sagen nachlässig. Was kein Wunder ist; denn Grass beschwört die letzten 50 Jahre nicht nur, indem er seinen Kindern die Worte in den Mund legt, sondern indem er die Vergangenheit mal über-, mal unterbelichtet erscheinen lässt; immer gesehen durch die Agfa-Box seiner Freundin, die er schon mal "Knipsmalmariechen" nennt. Während Marie in der Dunkelkammer ihre Filme entwickelt, gesellen sich unverhofft Vergangenes und Zukünftiges zum Abfotografierten hinzu. Die Objektivität der Fotografie macht Hellseherischem Platz. Gerade so, wie sich Grass als Autor selbst als Visionär versteht.

Am Ende bleibt es offen, ob nach dem Tod der Freundin die talentierte Box weitergegeben wurde - und wenn ja, an wen. Möglicherweise an Günter Grass. Denn mehr als Schnappschüsse bietet dieses Buch nicht. In dem heißt es an einer Stelle: "Keiner sagt alles. Und unser Väterchen schon gar nicht."

Günter Grass:

"Die Box". Steidl Verlag, Göttingen, 211 Seiten; 18 Euro. Erscheint am 29. August.

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