Bewahrer und Erneuerer

- Immer wenn in München der Posten des Kulturreferenten zu besetzen ist, sind sich insgeheim alle einig: Michael Krüger müsste es werden, es gibt keinen Besseren. Aber Michael Krüger war, ist und bleibt Verleger des Münchner Carl Hanser Verlages. Außerdem: Herausgeber der Zeitschrift "Akzente". Und: ein wunderbarer Schriftsteller, Essayist, Redner, scharf-witziger Gesellschaftskritiker. Ein Bewahrer und Erneuerer. Einer, der etwas zu sagen weiß.

<P>Aber ein Mann dieser Fähigkeiten und Talente wäre - beim gegenwärtigen Politiker-Niveau - selbst im Amte des Bundespräsidenten "verschenkt". Heute wird Michael Krüger 60 Jahre alt. Und die Gratulationsschreiben der besten Autoren der Welt - viele von ihnen wie Umberto Eco, Philip Roth, Milan Kundera oder Per O. Enquist sind beim Hanser-Verlag beheimatet - dürften ihm sicher sein. <BR><BR>"Vorreden, Zwischenrufe, Nachrufe - ein lückenhaftes ABC" heißt das kleine Büchlein, das der Hanser zugeordnetete Sanssouci Verlag zum Geburtstag seines Chefs herausgegeben hat. Darin ist eine Auswahl jener Reden und Nachrufe versammelt, die den Hörer beziehungsweise Leser immer wieder fasziniert fragen lassen: Ist dieser Michael Krüger mehr Verleger, oder ist er mehr Autor?<BR><BR>"Natürlich erlebt ein Schriftsteller das Älterwerden anders als zum Beispiel ein Verleger, Ruhm hat eine andere Währung als Geld, und die Börse auf dem Parnass funktioniert nach anderen Gesetzen. Ein Schriftsteller, der mit fünfzig Jahren nicht weiß, in welche Richtung es ihn schreibt, ist in unserer akzelerierenden Welt schon fast verloren; ein Verleger dagegen, der mit fünfzig Jahren einen Jostein Gaarder trifft, kann sogar in diesem hohen Alter noch Karriere machen." </P><P>Eine Bemerkung, die in einer Rede Michael Krügers zu finden ist, die er vor zehn Jahren für seinen Autor Gaarder ("Sofies Welt") gehalten hat. Dass Krüger heute wie vor zehn Jahren beide Professionen gleichberechtigt in sich vereinigt, macht ihn zu dieser außerordentlichen Persönlichkeit.<BR><BR>Zeit der Lüge und Feigheit</P><P>In der jüngsten Ausgabe der "Zeit" bekennt er sich zu seinem anderen, seinem zweiten Ich und schreibt mit höchster Raffinesse und Ironie sich selbst den Geburtstagsgruß - wie Michael Krüger den Verleger Michael Krüger in Bogenhausen besucht und dieser seinen Frust über die "Schweinereien" der Medienbranche formuliert: "Warum", fragt da der Verleger des angesehensten und zugleich erfolgreichsten deutschen Verlages beispielsweise, "darf Herr Joop, der den schlechtesten Roman des Herbstes geschrieben hat, stundenlang Reklame für seinen Mist machen"? </P><P>Ach ja, meint man da Krüger seufzen zu hören: "Wir leben in einer Zeit der Lüge, der Feigheit und des Verfalls der gesellschaftlichen Institutionen, und die ökonomische Krise ist nur ein Anhängsel."<BR><BR>Michael Krüger, der am 9. Dezember 1943 in Wittgendorf in Sachsen geboren wurde, ist in Berlin zur Schule gegangen. Nach dem Abitur absolvierte er sowohl eine Lehre als Verlagsbuchhändler als auch eine als Buchdrucker. Nebenbei war er Gasthörer bei den Philosophen der Freien Universität Berlin. </P><P>Nach dreijähriger Tätigkeit als Buchhändler in London kam Krüger Mitte der 60er-Jahre nach München zum Hanser Verlag. Sein Debüt als Schriftsteller gab er 1984 mit der Erzählung "Was tun? Eine altmodischen Geschichte". Es folgten u. a. "Himmelfarb", "Die Cellospielerin", "Das falsche Haus" oder jüngst der Lyrikband "Kurz vor dem Gewitter".</P>

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