Bewegende Reise in die Heimat

- "Hamit" - "Heimat". Dieses altmodische Wort beherrscht das Leben Walter Kempowskis im Jahr eins nach dem Mauerfall. 1990 kehrt er in seine Geburtsstadt Rostock zurück - eine langsame, quälende und zugleich tief bewegende Reise in die eigene Vergangenheit, zu verdrängten Schrecken und verloren geglaubten Gefühlen. Zurück an den Ort, an dem der Schriftsteller einst als junger Mann nach dem Krieg verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Mit dieser Annäherung an seine ganz eigene DDR-Geschichte verknüpft Kempowski die Annäherung der beiden deutschen Staaten - hin- und hergerissen zwischen Angst und Aufbruchsstimmung - und analysiert den politischen Eiertanz auf dem Parkett der Weltpolitik, begleitet von entmutigenden Zweifeln, ob die große Umwälzung der Wiedervereinigung von den "kleinen Leuten" überhaupt bewältigt werden kann.

Aber mit "Hamit", dem dritten Band seiner persönlichen Tagebücher nach "Sirius" und "Alkor", den Sternenbildern, schildert Kempowski nicht nur seine eigene Reise zu dem fernsten Stern seines Lebens, in die Heimat: Das Buch erscheint als Synonym für die Sehnsucht und Suche des Menschen nach seinen Wurzeln. An seinem Beispiel verdeutlicht Walter Kempowski, dass man vor seinen Erinnerungen nicht weglaufen kann. Irgendwann muss man sich ihnen stellen ebenso wie den Menschen, die man längst hinter sich glaubte.

Doch nicht nur das politische Klima in Deutschland zu Beginn der 90er-Jahre ruft Kempowski dem Leser von heute ins Gedächtnis zurück, sondern auch am "Stimmt, so war das damals"-Gefühl, an ganz banalen Alltagsgeschehnissen lässt der Autor den Leser teilhaben. Wenn er in bester Thomas-Mann-Manier seine täglichen Wehwehchen notiert, sich über das Mittagessen mokiert oder mit beißenden Worten seiner Kritiker gedenkt, bestätigt Kempowski zum wiederholten Mal seinen Ruf als großer deutscher Humorist, bei dem unter der Heiterkeit mehr Ernst liegt als bei manch vorgeblichem Humor. Kempowski zielt nicht auf Mitleid - das Wort Leid fehlt in seinem Bericht. Und er klagt nicht an, weil die Dinge selbst anklagen. Franziska Nau

Walter Kempowski: "Hamit. Tagebuch 1990". Knaus Verlag, München, 432 Seiten; 24,95 Euro

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
Sie war eine deutsche Diva und ein Multitalent: Margot Hielscher. Die Grande Dame der Leinwand, Showbühne und des Fernsehens war jahrzehntelang erfolgreich. Nun ist sie …
Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Die letzte Premiere der Salzburger Festspiele bringt ein Schlüsselwerk der Moderne auf die Bühne, Aribert Reimanns „Lear“. Während Bariton Gerald Finley triumphiert, …
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Sie wurde Letzte beim ESC 2016. Doch trotzdem machte sie weiter. Doch jetzt sind die Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird.
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Maler Karl Otto Götz ist tot
Er galt als Pionier der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit: Karl Götz. Der Maler ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Maler Karl Otto Götz ist tot

Kommentare