Bewegung nach Gefühl

- Man kann sie immer wieder lesen, Lewis Carrolls so hinreißend die Logik auf den Kopf stellende Geschichten von Humpty Dumpty, vom weißen Kaninchen, dem verrückten Hutmacher und der Grinsekatze. 1996 kam "Alice im Wunderland" in Peter Zadeks Fassung und Regie an den Münchner Kammerspielen heraus. Naheliegend, diesen poetisch verspielten Reigen wundersamer Gestalten und Begegnungen auch einmal zu vertanzen, was Philip Taylor und sein BallettTheater zu Musiken von Witold Lutoslawski soeben unternehmen. In der Premiere am Sonntag im Münchner Gärtnerplatztheater (19 Uhr) tanzt Gesine Moog die Alice.

<P>Moog klingt deutsch. Aber deutsch sieht sie nicht aus, mit diesen tiefdunklen Augen im makellos geschnittenen Gesicht. "Meine Mutter ist Philippinin, aus Batangas", klärt Gesine Moog auf. "Sie kam nach Deutschland, um Hebamme zu studieren."<BR><BR>Eine mutige Frau</P><P>Und die Tochter durfte Tänzerin werden? "Ja, meine philippinische Großmutter wollte schon, dass meine Mutter tanzt", sagt Gesine Moog und skizziert ihren Weg vom frühen Ballettunterricht und der Tanzausbildung an Frankfurts Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bis zu den drei Jahren am Saarländischen Staatstheater (unter Birgit Scherzer, dann Bernd Bienert) und dem Engagement 2000 in Taylors BallettTheater - wo sie als ausgezeichnete Tänzerin immer wieder auffiel. Graham-Spezialist Robert Cohen, nur zum Beispiel, besetzte sie als zentrale Figur in seinem "Stabat Mater". Und jetzt "Alice"?<BR>Gesine Moog: "Alice ist bei Taylor kein kleines Mädchen, sondern schon eine Frau, mutig und neugierig. Er bringt nicht alle Figuren, aber sonst hält er sich eng an das Buch. Ich habe es auch gelesen, mir außerdem verschiedene Schauspielversionen auf DVD angeschaut."<BR><BR>Und die Erarbeitung im Ballettsaal? "Diesmal hat Philip Taylor uns gleich zu Beginn die fertige Bewegung gegeben und gesagt: ,Macht, wie ihr wollt. Wir haben dann, schon zur Musik, die Bewegungssequenzen mehrmals wiederholt - nach unserem eigenen Gefühl. Und zwischen unserem individuellen Tanzen und seiner Beobachtung, seinem Abwägen hat sich dann allmählich die endgültige Form entwickelt. Natürlich hat er auch sehr viel mit Bildern gearbeitet, so dass die Bewegung an Hand der Geschichte entsteht, dass es ,erzählende Schritte werden. Danach muss man die Technik, eigentlich alles Gelernte vergessen, um an das Gefühl heranzukommen. Da hilft auch die Musik. Sie ist sehr farbig und unterstützt auch die verschiedenen Typen: Hutmacher, Herzkönigin, Herzogin, Gärtner, Dienstmädchen."<BR><BR>Wenn mal ein bisschen Zeit ist, schaut sich Gesine Moog etwas im Prinzregententheater an, wo ihr Mann, ehemals auch im Saarbrücker Ensemble engagiert, als Inspizient arbeitet. "Er tanzt aber noch", fügt sie gleich hinzu "in der freien Szene und demnächst am Theater in Trier als Mozart in einer Choreographie von Birgit Scherzer; beschäftig sich nebenbei auch noch mit Tanztherapie."<BR><BR>Und sie selbst fährt ja auch schon zweigleisig: drei Stücke hat sie bis jetzt in der BallettTheater-Reihe "Tänzer choreographieren" präsentiert. "Das ist eine Herausforderung für mich, hilft mir aber auch, die Arbeit von Philip Taylor, überhaupt von anderen Choreographen besser zu verstehen." Volles Arbeitsprogramm also.<BR><BR>Eine Reise auf die Philippinen ist da kaum drin? "Als ich fünf war, haben wir ein Jahr dort gelebt. Ich konnte damals fließend Tagalog, habe es wieder verlernt . . . Irgendwann wollen mein Mann und ich gemeinsam hinfliegen."<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare