Beziehungen wie Fastfood

- Mit knirpsigen fünf Jahren ging er zum Tapdance-Unterricht, und schon mit sieben entwarf er für sich kleine Stücke. Tanzen und Choreographieren, das gehört bei dem Franko-Kanadier Dave St. Pierre zwingend zusammen. Auch jetzt noch, wo sich eine internationale Karriere als Tanzschöpfer anbahnt: Für "La pornographie des âmes" erhielt St. Pierre den Frankfurter Mouson-Preis.

Kuratorin Cornelia Albrecht  hatte es für Münchens Dance-Biennale 2004 in Auftrag gegeben, und man sah  den heute 32-Jährigen inmitten seiner Company über die  Bühne des Gasteig flitzen. Nicht anders wird es sein in "Un peu de tendresse bordel de merde!", auf Deutsch  "Ein bisschen Zärtlichkeit,  Scheiße noch mal!", wieder  eine St. Pierre-Uraufführung, die heuer die städtische  Dance-Biennale (28. 10. bis 12.  11.) in der Muffathalle eröffnet.

Generell scheuen Choreographen  die Doppelbelastung.

Dave St. Pierre: Ich werde schier  verrückt, wenn ich nur von außen zuschaue. Ich muss mich auch körperlich in meine Stücke reinbegeben. Außerdem habe ich blindes Vertrauen in meine Tänzer.

Wer, was hat Sie geprägt?

St. Pierre: Sicherlich die sechs  Jahre bei Brouhaha Danse,  eine sehr körperbetonte  Compagnie, wo man sich  freihändig in der Luft zerreißt. Aber eine Anlage dazu  hatte ich immer schon: sich  gegen Wände zu werfen, an  Pfeiler und Decken zu klammern. Diese Anstrengung,  immer noch ein paar Zentimeter höher zu springen, immer dieses kleine Stück mehr  an Kraft und Energie, diese  Grenzüberschreitung ­ da  hält man als Zuschauer den  Atem an. Das entspricht mir  total.

Das Thema Ihres neuen Stücks?

St. Pierre: Es geht um den Übergang zwischen zwei Beziehungen, also die ganze Bandbreite der Gefühle, die man da durchlebt.  Wird der/die Neue die große Liebe sein oder eher ein Freund? Oder nur ein kurzes Erotik-Abenteuer?

Autobiografisches?

St. Pierre: Meine Stücke sind in der Tat autobiografisch. "La pornographie" entstand direkt  nach einer schmerzhaften  Trennung. Jetzt verarbeite  ich die Übergangsphase des  Single-Daseins. Heute hält  eine Beziehung meist nur  zwei, drei Jahre. Weil wir wollen, dass sie hundertprozentig intensiv ist, und das  die ganze Zeit. Wenn nicht,  hopp, wechselt man zu jemand anderem. Beziehungen  in meiner Generation sind  wie "Fastfood". In den 50er-  und 60er-Jahren blieben die  Paare noch zusammen,  manchmal treu bis in den  Tod. Für uns ist das nur noch  ein Mythos.

Hierzulande versucht die Politik, mit Förderungen dem Kinderwunsch nachzuhelfen. Damit könnte auch der Familienverband gestärkt werden.

St. Pierre: Ich habe gerade gelesen, dass es in Québec eine vierprozentige Steigerung der Geburtenrate gibt.  Also gibt es noch Paare, die Kinder wollen. Aber alle meine Freunde, die Kinder haben, sind schon von ihren  Frauen getrennt. Alle diese Kinder haben keine Vorstellung von einem zusammenhaltenden Paar. Ich frage mich: Wenn wir schon bei  Wegwerfbeziehungen angekommen sind, werden die  jetzt Fünf-/Sechsjährigen später zur traditionellen Familie zurückwollen? Oder  möglicherweise noch weiter gehen als meine jetzige Generation, immer nur Beziehungen für ein paar Tage suchen?

Das Gespräch führte Malve Gradinger.

Karten: 089/54 81 81 81

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