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Eine fröhliche Blumenschlacht veranstalten diese 40 Frauen, die sich für Bianca Patricia Isensee auf den Stufen des Oberlandesgerichts in Köln in Dessous ausgetobt haben. Mit den Fotos plädiert Isense- und die weibliche Stärke zu feiern.

Fotokunst von einer starken Frau

Rosensieg

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Die Künstlerin Bianca Patricia Isensee feiert mit aufsehenerregenden Fotoarbeiten die weibliche Stärke

Manchmal spielt sie heimlich Gärtnerin. Dann greift Bianca Patricia Isensee in ihre Tasche, nimmt eine Hand voll Blumensamen heraus und streut sie auf Wiesen und Wegesrand. Manche Saat geht auf, andere wird vom Winde verweht. Für Isensee zählt die Geste. Die Idee, etwas anzustoßen und es sich selbst entwickeln zu lassen.

Sie erzählt das nebenbei in den Büroräumen der Münchner Kunstberaterin Sonja Lechner. Die zeigt derzeit zwei Werk-Reihen von Patricia Isensee, die unter anderem an der Akademie der Bildenden Künste München studiert hat. Es ist ein Abend Ende Februar, das Wetter noch nicht so sonnig wie jetzt. Und doch sind es sonnigere Zeiten. Zeiten, in denen die Angst vor dem Coronavirus weniger akut ist. Und in denen aus einem geplant halbstündigen Interview ein dreieinhalbstündiges, inspirierendes Gespräch wird. Ein unbeschwerter Austausch über etwas, was schwer klingt: Emanzipation, Geschlechtergerechtigkeit, Rollenbilder.

Vom harten Schicksal, ein Mann zu sein

Dabei war ja abzusehen, dass der Abend sich so hübsch entwickeln würde: Kein Besuch bei der gebürtigen Finnin Sonja Lechner ohne von ihr gebackene Köstlichkeiten aus der Heimat und einen prickelnden Drink. Sie feiert die Künstlerinnen und Künstler, die sie unterstützt. Im Fall von Bianca Patricia Isensee ist das eine Frau, die ihrerseits das Frausein zelebriert. Die Alterslose („Wie alt sind Sie?“ – „Ich finde das nicht wichtig. Das ist Teil meines künstlerischen Ansatzes.“) sagt Sätze wie: „Es ist ein hartes Schicksal, ein Mann zu sein.“ Lachen bei zweien aus der Dreierrunde. Doch Isensee meint das ganz ernst. „Ich finde das faszinierend: Männer bauen als Ingenieure, Architekten, Maschinenbauer wahnsinnige Dinge auf – und zerstören sie mit von Männern gemachten Waffen wieder. Ich weiß nicht, ob ich das angenehm fände.“ Mit bezauberndem Funkeln in den Augen betont sie: „Ich bin so froh, eine Frau zu sein! Frauen sind schöpferische Wesen. Ihnen steht die ganze Welt offen. Sie haben das Maximum der Potenz inne: Sie können gebären!“

Schönheitsideale hinterfragt Bianca Patricia Isensee in der Reihe „Julia“. Dazu hat sie ihrem Model eine Gummipuppe übergezogen – Bild für Bild entpuppt es sich, legt die gesellschaftlich erwünschte Maske ab. Auch diese Fotos sind bei Sonja Lechner ausgestellt.

Und warum, herrje, lassen sie sich dann so leicht verunsichern? Machen sich klein – vor allem gegenseitig? „Eine Headhunterin berichtete mir: Wenn sie Frauen sagt ,Da gibt es eine Position – haben Sie eine Empfehlung?‘, gebe es in der Regel sehr wenige Frauen, die andere Frauen vorschlagen“, erzählt Sonja Lechner. „Während Männer gleich jemanden benennen. Diese Seilschaften unter Männern sind so etabliert, dass sie wissen: Wenn ich den und den empfehle, kommt es mir irgendwann zugute.“

Frauen sollten viel solidarischer sein

War das der Grund für Isensee, die aufsehenerregende Fotoarbeit zu verwirklichen, die da über dem Tisch hängt, an dem wir uns unterhalten? Darauf zu sehen: 40 Frauen in Dessous, die auf der Treppe des Oberlandesgerichts in Köln einen wilden Tanz mit Blumensträußen vollführen. Zeitlich vorgelagert ist ein zweites Foto in derselben Kulisse, mit denselben Frauen. Doch diesmal sind es Dildos, mit denen sie aufeinander einschlagen. „Die Auseinandersetzung mit Weiblichkeit begleitet mich schon mein Leben lang“, sagt Isensee. Diese Arbeiten sollten einen ironischen Blick auf die Frage werfen, was es heute bedeutet, Frau zu sein. „Das Foto mit den Dildos zeigt, wo wir uns gesellschaftlich befinden. Die Frauen kämpfen gegeneinander – mit den Mitteln der Männer. Das zweite Bild weist in die Zukunft. Frauen sollten sich ihre Stärke vergegenwärtigen – die auch in der weiblichen Zartheit, Sanftheit und Schönheit liegt.“ Die Blumen, mit denen diese Frauen einen Flower-Power-Tanz vollführen, sind Sinnbild dafür.

Gespräch unter Frauen: (v.li.) Kunsthistorikerin Sonja Lechner, Künstlerin Bianca Patricia Isensee und Merkur-Redakteurin Katja Kraft. Alle Fotos entstanden vor der Coronakrise.

Doch wie gelingt’s, dass aus einem Kampf ein gemeinsamer Tanz wird? „Ich glaube, durch Liebe und Selbstliebe“, sagt Lechner. „Frauen, die bei sich angekommen sind, die ihr Leben so leben, wie es ihnen entspricht, die können gönnen. Denen ist es vollkommen egal, ob die andere Frau mehr verdient, dünner ist, schöner, jünger – die vergleichen sich nicht.“

Mehr Leichtigkeit durch Selbstliebe

Eine Lebensart, die ganz der von Bianca Patricia Isensee zu entsprechen scheint. Fragt man sie nach der Konkurrenz zwischen Künstlerinnen, muss sie passen: „Ich sehe mich nicht in irgendeiner Konkurrenz. Ich mache mein Ding und schaue nicht ständig nach links und rechts und vergleiche mich. Wenn ich eine Künstlerin sehe, deren Arbeit ich mag, erzähle ich anderen davon, um sie zu unterstützen.“ Selbstliebe, bei sich angekommen sein – die zweifache Mutter lebt vor, was sie all ihren Geschlechtsgenossinnen wünscht. Und kann vermutlich genau deshalb so leichtfüßig Werke schaffen, bei deren Betrachtung manch gestandenes Mannsbild rot anläuft.

Noch allzu oft kämpfen Frauen mit den Mitteln der Männer gegeneinaner: wie in diesem Bild, auf dem sie mit Dildos aufeinandereinschlagen. Die Fotografin Isensee plädiert dafür, dass Frauen solidarischer sein sollten.

Lachend erinnert sich Lechner, die das Kunstforum der Münchner Bank kuratiert: „Bei einer Gruppenausstellung haben wir das Dildo-Foto ins Entrée gehängt. Es gab eine Interpretationsspanne, die ich so noch nicht erlebt habe. Manche fragten, ob das Unterwäsche-Reklame sei – und viele Männer haben die Dildos völlig übersehen.“ Oscar Wildes Spruch „Die Kunst spiegelt in Wahrheit den Betrachter und nicht das Leben“ habe selten so gut gepasst. Jeder bringt seine Geschichte in die Interpretation ein. Isensee kann nur die Saat setzen – für die Blüte, die daraus wächst, ist jeder der eigene Gärtner.

Bianca Patricia Isensee zeigt ihre Werke bei Sonja Lechner, Mandlstraße 28. Anmeldung zur Besichtigung: 089/95 48 55 13. Infos: bianca-patricia-isensee.art.

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