Die Bibel war stärker

Berlin - Der Hund ist vor 4000 Jahren in den Gassen von Babylon verschwunden - aber der freche Köter hat Spuren hinterlassen. Er lief den Lehmziegel-Handwerkern über ein großes quadratisches Stück, das sie gerade zum Trocknen ausgelegt hatten. Jetzt sind seine Pfotenabdrücke ein fröhliches Zeichen von Leben in der imposanten Schau "Babylon - Mythos und Wahrheit" im Berliner Pergamon-Museum.

Das Vorderasiatische Museum hat sich mit dem Pariser Louvre und der Réunion des musées nationaux sowie dem British Museum in London zusammengetan zu einer einmaligen Schau auf eine Stadt, die zu einem bis heute gültigen Symbol wurde, über die wir jedoch kaum Genaues wissen. Aus dem Schulunterricht dämmert uns verschwommen der Begriff "Wiege des Abendlandes", tatsächlich dominieren aber die Vorstellungen vom "Turmbau zu Babel" oder der "Hure Babylon", und Nebukadnezar alias Nabucco geistert als Fiesling durch Verdis gleichnamige Oper.

Diesem Phänomen will sich die Doppelpräsentation - exklusiv in Berlin - stellen: Die Archäologen liefern die Wahrheit (Kurator Joachim Marzahn). Die Ideengeschichtler von der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, unterstützt von allen Museen einschließlich der Kinemathek, fächern den Mythos vom Sprachenwirrwarr bis zum Sündenpfuhl auf (Kurator Moritz Wullen). Bücher, Bilder, Filme, Plakate, Pamphlete schildern die Allgegenwart des Mythos. Die beiden Babylons sind in je einem Flügel des Pergamon-Museums untergebracht. Das ist mit seiner neben dem Pergamon-Altar zweiten Sensation, dem babylonischen Ischtar-Tor, prädestiniert für solch eine Ausstellung. Die deutschen Schätze gründen in der Zeit von 1899 bis 1917, als Robert Koldewey in Babylon grub. Die Stadt am Euphrat, 90 Kilometer nördlich von Bagdad (am Tigris), hat heute 140 000 Einwohner. Das antike Babylon wurde übrigens von den dort stationierten US- und polnischen Streitkräften schwer beschädigt. Darüber hinaus ist die Sicherheitslage im Irak so verheerend, dass die Museumschefs nicht wagen konnten, auch nur ein Werk auszuleihen. Das wäre für die Kuriere zu gefährlich gewesen, erklärte Günther Schauerte, stellvertretender Generaldirektor der Museen zu Berlin. Er koordinierte die Mega-Aktion.

Aber auch ohne diese Leihgaben sind 800 Gegenstände und damit die einzigartige Kulturleistung Babylons zu bestaunen: von Architektur und Götterstatuetten über die so beliebten, bewundernswert fein gearbeiteten Rollsiegel (runde Modeln) bis hin zu Dokumenten, in Keilschrift auf Tontafeln oder Stein festgehalten. Und auch das Mythos-Panorama von der prächtigen Bibel bis zum Video, das zahllose Münder die Sprachverwirrung brabbeln lässt, ist ganz schön umfangreich.

Die Verbindung zwischen beiden Teilen stellt das Ende der archäologischen Schau her, die die babylonische Ära von circa 2900 v. Chr. ("frühdynastisch") bis 64 v. Chr. (Seleukiden in der Nachfolge von Alexander dem Großen) ansetzt. Der Einfluss der babylonischen Errungenschaften auf Kulturen zwischen Arabien und Europa wird deutlich. Den Satz des Pythagoras wandten die alten Babylonier lange vor den Griechen an. Weder Zeitberechnungen noch Astronomie ist ohne sie denkbar. Das zeigen Bücher, Schautafeln, aber auch magische Objekte. Schmuck-Tiere wie Drachen wurden ebenso nachgeahmt wie die farbig glasierten Ziegel. Medizinisches Wissen wurde tradiert und natürlich die Garten-Kunst. Das ist die positive, die erfolgreiche Seite Babylons. Und wenn man durch die "Wahrheits"-Abteilungen von "König" bis "Wissenschaft" gegangen ist und vor allen die Kapitel "Recht", "Wirtschaft" und "Alltag" studiert hat, wird einem klar: Babylon war ein effizienter Staat, der in Vielem unseren Systemen geglichen hat. Dessen Landwirtschaft war vor drei-, viertausend Jahren so professionell wie unsere vor hundert Jahren. Trotzdem oder gerade deswegen ist Babylon bis hin zu gegenwärtigen Ereignissen das Sinnbild einer Moloch-Zivilisation, die Individuum und Umwelt vertilgt. An deren Spitze steht ein Despot. In dieses Klischee passte zum Beispiel bestens, dass sich Saddam Hussein als Nebukadnezar inszeniert hatte.

Nun ist in Berlin jedoch zu erfahren, dass die babylonischen Herrscher Gott, dem Recht (der berühmte Codex des Hammurapi) und der guten Staatsführung verpflichtet waren. Sie sollten "Hirten" ihrer Völker sein. Der angeblich gotteslästerliche Turm diente einem Gott, dem Staatsgott Marduk. Natürlich waren die Könige selbstbewusst, ließen sich, wie man den Schrifttäfelchen und -stelen entnimmt, kräftig feiern. Statuen und Reliefs, stets voll innerer Ruhe, zeigen sie jedoch meist als Betende. Wunderbar, wie fantasievoll und detailreich die damaligen Handwerker-Künstler arbeiteten: ob das der aufwändig gekräuselte Bart des Königs ist oder ein Mensch-Skorpion-Fabelwesen mit Vogelkrallen, auf denen bisweilen auch die sehr erotisch dargestellte Göttin Ischtar steht.

Optisch am imposantesten ist naturgemäß die Architektur samt farbig glasierten Ziegeln und Bauplastik. Berlin präsentiert jetzt sein Ischtar-Tor - rekonstruiert aus Myriaden von Bruchstücken - noch spektakulärer: durch eine Spiegelwand. Unnachahmlich das Farbleuchten, die Hoheit der schreitenden Löwen, Drachen und Stiere sowie die ornamentalen Blumen und Palmen. Auch die anderen Beispiele, Götter als Mauer-Elemente des Tempels, belegen beeindruckend, wie im Ziegel Bau- und skulpturale Kunst verschmelzen und der religiösen Aussage dienen. So wird Lehm/Ton zur Seele der babylonischen Kultur. Der Turm in abgetreppter Bauweise (Zikkurat) ist aus dieser Seele entsprungen.

Aber die Bibel war stärker. Ihre Geschichten von blasphemischem Größenwahn, moralischer Verkommenheit, Unterwerfung anderer Völker, Mord und fürchterlichen Prophezeiungen - stets auf Babel bezogen - waren so exemplarisch, dass sie bis heute zur Wahrheit wurden. Babylon gibt es eben zweimal.

Bis 5. Oktober,

täglich ab 9 Uhr, Karten (Vorverkauf empfohlen): Tel. 0180/366 36 68, www.smb. museum/babylon, Am Kupfergraben 5; zweibändiger Katalog, Hirmer Verlag: im Museum 39,90 Euro.

Die Realität hinter den Babylon-Klischees

Der Turm von Babylon war ein 90 Meter hoher stufenförmiger Bau, Zikkurat genannt. Alle späteren Bilder ­ am berühmtesten Brueghels "Turmbau zu Babel" ­ sind Erfindungen.

Die babylonische Sprachverwirrung gab's als Strafe für den Turmbau, die die Bibel anführt (Mose 11, 7-9), nicht. In der Stadt lebten Menschen unterschiedlicher Abstammung gut zusammen.

Nebukadnezar II. (605-562 v.Chr.), Schöpfer des neubabylonischen Reichs, war kein Schreckensherrscher, sondern ein exzellenter König. Auch die "Jüdische Gefangenschaft" rüttelte nicht an der Identität des Volkes, es durfte Religion und Tradition pflegen.

Das Babylon-System "erfanden" die Rastafari in Anlehnung an die biblische Geschichte von der Verschleppung der Israeliten, um die Versklavung der Jamaikaner darzustellen.

Die sündige Stadt ist eine christliche "Argumentationshilfe". Augustinus konstruierte den Gegensatz von "himmlischem Jerusalem" und schlimmem Babylon; Luther bezeichnete das damalige päpstliche Rom als "Babylon.

Semiramis, die in der Sage Babylon gründete und die Hängenden Gärten schuf, war wohl die assyrische Königin Sammuramat. Ihr Femme-fatal-Image wurde später hinzugedichtet.

Die Apokalypse, die Auslöschung Babylons, die die Bibel prophezeit, hat nicht stattgefunden. Nicht die Große Hure Babylon der Offenbarung erschien, sondern Perser (539 v. Chr.) und Griechen (330 v.Chr.) eroberten die Stadt. Sie wurde unbedeutend.

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