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„Eine der größten Liebesgeschichten, die wir kennen“, sagt Schauspielerin Bibiana Beglau über das Verhältnis ihrer Figur Martha zu deren Ehemann George (Norman Hacker) in Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“.

Interview zur Premiere am Residenztheater

Die Geschichtenerzählerin

München - Bibiana Beglau über die Ehrung als „Schauspielerin des Jahres“ und die Liebe in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“.

Bibiana Beglau, 1971 in Braunschweig geboren, ist im Ensemble von Martin Kušejs Residenztheater eine der prägendsten Schauspielerpersönlichkeiten. Zuletzt beeindruckte sie als Mephisto in der „Faust“-Version des Intendanten. Ab heute Abend dürfen die Münchner die Künstlerin, die auch viel für Film („Der neunte Tag“) und Fernsehen („Zappelphilipp“) arbeitet, in Edward Albees Erfolgsstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ sehen. Beglau spielt in dem Vier-Personen-Drama die Psychokampf-erprobte Ehefrau Martha; die Regie liegt erneut bei Kušej.

Sie sind eine mit Auszeichnungen durchaus verwöhnte Künstlerin – vom Ulrich-Wildgruber- bis zum Grimme-Preis. Und jetzt die Ehrung „Schauspielerin des Jahres“ vom Fachblatt „Theater heute“. Ein kleiner Positivschub vor der Premiere?

Das weiß ich gar nicht. Das ist ein Preis, bei dem das Konto nicht voller wird, aber der Anspruch höher. Nein, ich freue mich natürlich sehr. Für mich ist es toll, fürs Haus ist es toll. Man kommt aus dem Sommer wieder und denkt: klasse!

Albees Stück bietet bestes Schauspieler-Futter. Wie vermeiden Sie die Virtuositäts-Falle, in der man nur zeigt, was man an darstellerischen Mitteln so drauf hat?

Darüber kann ich jetzt gar nichts sagen, das werden wir bei der Premiere sehen. Über meine Figur will ich nicht sprechen. Ich kann nur sagen, wie ich allgemein an meine Rollen rangehe. Ich lese eine Geschichte, ob das ein Stück ist oder ein Roman. Dann versuche ich, sie von mir aus zu erzählen: Was kann ich erkennen? Bei „Faust“ zum Beispiel war die einzige für mich lesbare Figur tatsächlich Mephisto. Ich glaube, über den Teufel etwas zu wissen. Er ist der Einzige, der Glauben im Sinne von Wissen hat. Er weiß, dass es Gott gibt. So gehe ich heran: Von dem Bisschen, was ich weiß, folge ich der Geschichte.

Noch einmal: Wie bei der Figur Mephisto verführt auch Martha zum Rampensau-Spiel. Als Schauspieler müsste man da die Bremse ziehen.

Ich bin keine Rampensau, weil ich viel zu ängstlich bin. Ich bin eher soldatisch. Was macht einen Soldaten aus? Die Ansage ist: „Renn’ da jetzt rüber in den Stacheldraht, und du musst überleben.“ Es gibt dann zwei Möglichkeiten. Entweder du bleibst im Graben sitzen und hast eine „katatonische Stupor“-Angst, oder man läuft wie eine angesengte Sau los. Und ich bin die angesengte Sau. Das liegt bei mir daran, dass ich dem Beruf nicht sehr traue und ihn nicht sehr mag. Das spielerische Moment interessiert mich null. Das ist infantil; „ich spiele euch was vor“ – das macht man im Sandkasten. Das Phänomen, warum wir Menschen uns stets Geschichten erzählt haben, reizt mich. Die Großmutter erzählt dem geliebten Enkel etwas; der König erzählt seinem Feind eine Geschichte, um ihn zu verwirren. Das hat viel mit Empathie zu tun – und Sinn, Erkenntnis, einer Reinigung. Aber Spielen, um Heiterkeit zu verbreiten? Ich bin durchaus für Unterhaltung, ich kann’s aber nicht.

Sie sind also von der Veranlagung her gefeit vor falscher Virtuosität?

Das weiß ich nicht. Allerdings: Ich bin kein Komiker. Ich weiß nicht, wie Bühnenhumor funktioniert. Mich bewegt, wenn Helden stürzen – wie auf Gemälden. Es gibt diese alten Bilder, auf denen Pferde mit schreckverdrehten Augen und wirrem Zaumzeug in Lanzen krachen. Oder in der Archaik: Menschen, die in Speere gestürzt sind, – lächeln. Wichtig ist mir: Wie richten wir uns auf, und wie fallen wir? Wie unterhalten wir uns in der Spanne zwischen Geburtskanal und Sarg? Denn der kann ja nicht ernst gemeint sein, der Schwachsinn, den wir da leben! Und dann sind wir schockiert, wenn so etwas wie die Terrorarmee Isis entsteht. Die vormacht, wo wir leben. Wir als Grundberuhigte merken dann, wie uns alles um die Ohren fliegt. Das ist es, was mich bewegt: Wie gestalten wir unsere Unterhaltung auf der Kugel, die durchs Weltall zwitschert – ohne Sinn und Verstand, dabei haben wir ein Wesen, das das Leben überdenken kann. Unterhalten wir uns im Bereich von Wellness, oder unterhalten wir uns künstlerisch, Frieden stiftend, forschend, in andere Universen blickend? Oder töten wir einander mit der geilsten Ausrede: den Tod im Kampf zu besiegen? Wir leben ja nur, um nicht zu sterben. Wie das Gezappel aussieht, das macht mich neugierig.

Machtspielchen und Lebenslügen-Pflege: Die fallen einem bei „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ein. Die treiben Martha und ihr Mann auf elegante Weise.

Das ist nicht elegant, das ist Liebe. Meiner Meinung nach eine der größten Liebesgeschichten, die wir kennen. Wir verwechseln das nur gern mit „Screwball“-Komödien.

Liebe, weil’s die beiden schon so lange miteinander aushalten und noch aushalten werden...

...ja, und weil es keinen politischen Hintergrund gibt, einen gesellschaftlichen schon. Natürlich ist das Gesellschaftliche auch politisch.

Ihre Darstellungskunst ist intensiv und ausdifferenziert körperlich, ist expressiv. Hat Sie das Tanztheater beeinflusst?

Nein. Ich glaube, es kommt aus anderen Quellen. Sicher, ich liebe Tanz, er ist was Besonderes. Wissen Sie, es gibt den Film „White Nights“ mit Baryschnikow, der einen sowjetischen Tänzer spielt, der in den Westen will. In einer Szene macht er einen Sprung, ist schon in der Luft, Beine im 90-Grad-Winkel – und es sieht so aus, als ob er sich dort noch einmal von der Luft abstößt; was eigentlich gar nicht geht. Das hat mich immer fasziniert. Ähnliches gibt es in der Kunst, etwa bei Francis Bacon. Ich muss es vormachen: (Bibiana Beglau dreht den Kopf schnell hin und her.) Dann sehe ich Ihr Gesicht, daneben sehe ich’s verschwommen und dann beide zusammen. Man kuckt wie ein Zyklop: eine zweidimensionale Dreidimensionalität sozusagen.

Ich weiß, Sie haben eine Leidenschaft für Bildende Kunst. Ist sie kräftiger Kontrast zur Bühne oder eine Ergänzung?

Nein, sie ist mein Leben. Mit dem anderen verdiene ich mein Geld.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Premiere

ist am Donnerstag, 18. September, um 19.30 Uhr. Die nächsten Aufführungstermine sind am 20. September und 7. Oktober; Telefon 089/ 21 85 19 40.

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