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Bibiana Beglau nahm die Barbesucher mit auf eine literarische Reise durch Pasolinis Rom.

Schauspielerin des Residenztheaters gastiert am Beethovenplatz

Bibiana Beglau liest Pasolini in der Bar Gabányi

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Die Schauspielerin Bibiana Beglau vom Münchner Residenztheater liest Pasolinis Rom-Erkundungen in der Bar von Stefan Gabányi. Am Münchner Beethovenplatz ist über die Jahre eine Ort für Kultur entstanden. 

München – Die Welt ist aus den Fugen. In zahlreiche Einzelteile ist der Globus zerbrochen, mühsam werden sie nun von Pflastern zusammengehalten. Immerhin kann der Betrachter noch erahnen, dass die Erde eine Kugel ist. Und trotz des Schadens glüht diese Welt von innen heraus, spendet warmes, beruhigendes Licht. Gewiss, diese eigenwillige Lampe, eingebaut in einen zerborstenen Globus, steht hier immer in der Fensternische der Bar Gabányi. Doch an diesem Abend ist sie auch Kommentar zu dem, was auf der kleinen Bühne geschieht.

Bibiana Beglau, eine der wichtigsten Schauspielerinnen im Ensemble des Münchner Residenztheaters, liest Texte des Dichters und Filmemachers Pier Paolo Pasolini (1922-1975). Gedichte, Tagebucheinträge und Notizen über Rom, die der radikale Analytiker, Lebens- und Schmerzensmann des europäischen Kinos in den Fünfziger- und Sechzigerjahren niederschrieb. Geständnisse seiner unmöglichen Liebe für und sein poetischer Abgesang auf die Ewige Stadt. Detaillierte Beobachtungen wechseln sich ab mit Pathos-Wogen und Klagegesang voller Pein.

Die Caravans (v. li.) in der Bar Gabányi : Nimrod Guez (Geiger und Bratschist), Philip Weberndörfer (Gitarrist) und Kontrabassist Mátyas Néméth

„So habe ich Rom noch nie gesehen“, beginnt Beglau ihren literarischen Streifzug. „Alles wirkt wie schwebend, auf später verschoben.“ Doch das Flanieren über die Pflaster der Stadt genügt Pasolini nicht: Eruptionen gleich brechen seine Gedanken, Gefühle, Erinnerungen hervor, fiebrig tänzelt er in den Texten zwischen Roms Gegenwart und Vergangenheit, fasziniert schildert er immer wieder die körperliche Arbeit der Menschen, der Männer vor allem. Im alltäglichen Treiben der Stadt spiegelt sich sein Leben, sein Zorn, aber eben auch: seine Hoffnung, Sehnsucht, sein Begehren. Die Welt, die Beglau hier facettenreich ausbreitet, ist so zersplittert und doch so heimisch wie der Globus in der Fensternische: „ein Chor, der in tausend Echos zerfällt“.

Mit ihrer Interpretation von Allen Ginsbergs Gedichtwahnsinn „Howl“ hat die Schauspielerin zuletzt am Residenztheater bewiesen, wie viel Spannung und welche Präsenz sie allein auf einer Bühne entwickeln kann. Die Souterrainräume der Bar Gabányi werden an diesem Abend von Beglaus Wucht überrollt.

Neben ihr sitzt der Soundbastler Salewski, der aus seinen beiden Plattentellern eine elektronische Klangkulisse herausschraubt, die Pasolinis Texte kommentieren und konterkarieren. Im besten Fall. In den weniger gelungenen Momenten doppelt das Geräuschballett den sprachmächtigen Vortrag Beglaus, überlagert ihn, bremst ihn aus.

Seit er vor knapp sechs Jahren seine Bar am Münchner Beethovenplatz eröffnet hat, lädt Stefan Gabányi regelmäßig donnerstags Künstler ein. So entstand über die Zeit nicht nur ein Ort der Trinkkultur, sondern zudem ein Raum für Entdeckungen, eine Hör-Bar. Vor Weihnachten spielten sich hier etwa die Caravans hochmusikalisch und unglaublich kurzweilig durch die melodiensatten Traditionen von Gypsy-Jazz, Klezmer, ungarischen Volksweisen und der Musik der Sinti und Roma. Diesen Donnerstag stellt Jazzsängerin (und Ex-Profisportlerin) Norisha Campbell, die unter anderem 2008 im US-Volleyballteam an den Olympischen Spielen in Peking teilnahm, ihr Album „Stand for Love“ vor. Sie wird dann auch von Herzen singen, die zerborsten sind – wie der Globus in der Nische links von ihr – und dennoch leuchten.

Die nächsten Termine:

Am Donnerstag, 11. Januar, gastiert Norisha Campbell; am 18. Januar tritt die Chanteuse Janda mit Band auf; das Jazz-Duo Mlak begibt sich am 25. Januar auf Klangreise; Beginn 20.30 Uhr; Beethovenplatz 2; 089/ 51 70 18 05.

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