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Von wegen Bandsalat: Bibiana Beglaus szenisches Solo „Howl“ ist ein herrlich heftiger Literatur-Quickie. 

Premiere des szenischen Solos „Howl“ 

Bibiana Beglaus heiliges Heulen

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Das Gedicht „Howl“ von Allen Ginsberg ist einer der wichtigsten Texte der Beat-Generation. Bibiana Beglau begegnet ihm im Marstall des Münchner Residenztheaters mit Respekt und leiser Ironie. Hier unsere Premierenkritik:

München – Eigentlich ist mit einem Halbsatz aus einem Brief, der im August 1955 von Mexico City nach San Francisco geschickt wurde, das Wichtigste gesagt über dieses Stück Literatur. „Dein ,Howl für Carl Solomon‘“, schrieb Jack Kerouac damals aus der dampfenden mexikanischen Regenzeit an seinen Schriftstellerkollegen Allen Ginsberg, „ist sehr mächtig“. Das gilt bis heute, mehr als 60 Jahre nach der ersten Veröffentlichung, für diesen Bastard eines Gedichts, für diese tieftraurige Weh- und bitterböse Anklage, die in einem Euphorietaumel endet, der drogenbefeuert gewesen sein muss.

Im Marstall des Münchner Residenztheaters hat sich nun Bibiana Beglau des in der Übersetzung von Carl Weissner gerade mal neun Seiten langen Textes angenommen. Am Donnerstag war Premiere ihres einstündigen szenischen Solos, das Angela Obst eingerichtet hat.

„Howl“ besteht aus drei Teilen plus Fußnote

Klug, respektvoll und mit leiser Ironie nähert sich Beglau der Vorlage. Das ist gut und richtig, denn Ginsbergs Pathos, sein Herz- und Weltenschmerz mögen uns heute fremd erscheinen und nach wie vor (über-)fordern. Dennoch pulsiert in „Howl“ – das „Geheul“ sollte zu einem der wichtigsten Texte der Beat-Generation werden – ein glühender Kern, der zeitlos und wahrhaftig ist.

Ginsberg (1926-1997) hat seinen Text in drei Teile plus eine ausführliche Fußnote unterteilt. Den Auftakt bildet eine sich über vier Seiten schillernd hinwegwindende Relativsatz-Girlande: ein Aufschrei wegen der und gegen die Welt. Beeinflusst ist diese Eröffnung von den Strukturen der Jazzmusik ebenso wie vom Kaddisch, einem der wichtigsten Gebete im Judentum. Im zweiten Teil fragt Ginsberg nach dem Verursacher des geschilderten Schlamassels – und findet ihn im „Moloch“, worunter man gut und gerne die zwischenmenschliche Kälte sowie die Sinn-Entleertheit der Gegenwart begreifen kann. Der dritte Teil ist eine so verzweifelte wie hingebungsvolle Solidaritäts- und Liebesadresse an Carl Solomon. Ginsberg hat „Howl“ dem jungen Mann gewidmet, den er als Patienten der Irrenanstalt in Rockland kennengelernt hatte. Die Fußnote zum Gedicht schließlich ist geprägt vom inflationären Gebrauch des Wortes „heilig“; hier stimmt der Autor einen überraschend versöhnlichen Lobpreis auf das Menschsein an.

1957 kam es zum Prozess wegen angeblicher Obszönität

Zu Ginsbergs Selbststilisierung gehörte die Behauptung, er habe „Howl“ rauschhaft am Stück niedergeschrieben – wer jedoch liest, erkennt, wie geschickt komponiert und fein austariert der Text ist. Keine Legende ist indes, dass das Gedicht 1957 zunächst einen Prozess wegen angeblicher Obszönität überstehen musste (Amerikas prüde Sittenwächter hatten ihre Probleme vor allem mit der Zeile „die sich von Motorrad-Engeln in den Arsch ficken ließen und schrien vor Lust“), bevor es seinen Triumphzug nicht nur innerhalb der Beat-Generation antreten konnte.

All das schwingt im Marstall natürlich mit, wenn Bibiana Beglau an einem alten Schreibtisch Platz nimmt, auf dem einige Kassettenrekorder stehen und der mit der US-Flagge behängt ist. Die Schauspielerin lässt dem Text Raum zum Atmen, begegnet ihm aber dennoch mit humorvoller Distanz. Dabei stellt sie stets „Howl“ ins Zentrum – und nie die eigene Virtuosität aus. Wenn Beglau erzählt und sich ereifert, wenn sie schreit, schnurrt und säuselt, wenn sie gurrt und giftet, dann im Dienst der Dichtung.

Der Abend ist ein heftig-herrlicher Literatur-Quickie

Doch ebenso wichtig für das Gelingen dieses heftig-herrlichen Literatur-Quickies ist die Klangcollage von Flo Kreier und Johannes Oberauer. Im ersten Teil jonglieren die beiden akustisch mit dem Sound der Stadt, als Leitmotiv hört man immer wieder das „Kling!“ einer Schreibmaschine heraus, die das Zeilenende erreicht hat. Im zweiten Teil tönt nur die Wucht der Anklage, bevor der dritte Teil mit Fetzen aus Jazz- und Rocknummern (darunter Jimi Hendrix, der in Woodstock „The Star-Spangled Banner“ mit der Gitarre zersägt) eingeleitet wird.

Kurz bevor’s losging, hatte Bibiana Beglau noch gesagt, dass man während des Abends gerne auch herumgehen, den Platz wechseln oder sich etwas zu trinken holen dürfe. Und sie hat gesagt: „Uns wollte keine Kneipe. Sonst hätten wir es dort gemacht.“ Die Kneipe hat ja keine Ahnung, was sie verpasst hat.

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