Biblischer Folklore-Abend

- Der größte Frust für die dramaturgische Abteilung (so man sich eine leistet)? Vom Salzburger Regie-Stil künden, Aufbrüche und nie Gesehenes versprechen, Hunderttausende für Inszenierungen zusammenkratzen - und dann kapitulieren müssen, weil Folgendes im Großen Festspielhaus vollkommen ausreicht: ein paar Bänke für den Chor, Notenständer für die Solisten und gegenüber ein tobendes, tosendes Auditorium, von Klima und Klunkern beschwert, inklusive Mosi, Caroline (von Monaco) und Richard (von Weizsäcker).

<P>Hauptsache er, Placido, steht dort. Wurscht, was er singt, heuer halt "Samson et Dalila" konzertant, diesen biblisch veredelten Folklore-Abend aus der Feder von Camille Saint-Saë¨ns, Heiligtum nicht nur opernnärrischer Friseure. <BR><BR>Doch um den Star in die rechte Akustik zu rücken, hätt's das nicht gebraucht: nicht das Mariinsky-Kirov-Orchester im hochgefahrenen Graben, das Domingos patinierten Edel-Schmelz in den Hintergrund drängte. Und nicht einen Dirigenten wie Valery Gergiev, der mit Holzfällercharme weite Teile des Stücks exekutierte. Gewiss: Saint-Saë¨ns nur als Urheber parfümierter Süßigkeiten missverstehen, darüber ist die Interpretationsgeschichte gottlob hinaus. Rhythmische Kontur, eine enorm geschärfte Klanglichkeit, das hat Gergiev seinem bemerkenswert präzisen Ensemble antrainiert. Auch Starkstrom-Momente wie das Duett Dalila/Oberpriester mit den hämmernden Streicherfiguren beeindruckten. </P><P>Doch meist wirkte die Partitur bei Gergiev wie entzaubert, geheimnisarm, zu grell ausgeleuchtet. Was scheren ihn Stars? Das Ergebnis: Eine Aufführung dominiert vom Orchester, das das "Bacchanal" musizierte, als habe der Mann am Pult endlich die Leine gekappt und "fass!" gerufen. <BR><BR>Tobendes Auditorium</P><P>Immerhin: Sergej Leiferkus (Oberpriester) kam mit der Degradierung zur Vokalbeimischung gut zurecht, gab mit schneidend-durchdringendem Timbre ein prächtiges Bariton-Ekel. Exzellent besetzt auch die Nebenfiguren, aus denen Chester Patton als alter Hebräer herausragte. Und Domingo? Ließ sich von Gergievs Muskelspielen kaum anstecken, zeigte dafür sämigste Phrasierungen, gar jungheldischen Charme. Gelegentlich, das sei gestattet, legte il Tenorissimo auch Spar-Strecken ein, um Stentor-Töne zu stemmen. Dennoch liegt ihm der Samson auch im fortgeschrittenem Karrierezustand, agierte Domingo doch offensiver, befreiter als 2002 am selben Ort: Sein konzertanter Siegmund, der damals an Noten und Dirigent klebte, ist in unguter Erinnerung.<BR><BR>Bestehen konnte er trotzdem nicht. Nicht gegen Olga Borodina als Dalila, die ihren Hit "Mon cur s'ouvre à` ta voix" als Piano-Ereignis in den Saal schmiegte. Die mit gutturalem, vollmundigem Alt, mit erstaunlichem Stimmumfang und dunkler, sublimer Erotik bestach. Bei der's also kein Wunder schien, dass Samson das Geheimnis seines kraftspendenden Haupthaars ausplauderte. Standing Ovations plus Blumen für Domingo und Borodina - vielleicht wären ja Toupets passender gewesen . . .<BR></P>

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