Es biedermeiert doch arg

- Beim Schlager des Stücks ist natürlich etwas Fantasie gefragt: "Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar", das suggeriert einen in Ehren ergrauten Herrn. Doch Holger Ohlmann, 37, kann da allerhöchstens mit ein paar Silberfäden im schwarzen Haupthaar dienen. Er singt in Albert Lortzings "Waffenschmied" die Titelpartie des Hans Stadinger, dessen Tochter von einem verkleideten Blaublut umworben wird - was der Papa, ein ausgesprochener Adelshasser, verhindern will. Premiere dieser Gärtnerplatz-Produktion ist am Sonntag. David Stahl dirigiert, Katharina Wagner, mutmaßliche Thronerbin in Bayreuth, inszeniert.

<P>Und Ohlmann ist da Realist genug: "Mir ist klar, dass die Leute von überall her vor allem wegen Frau Wagner anreisen. Umso besser müssen wir Sänger eben unseren Job machen. Zumal wir ja durch die Regisseurin vielleicht internationale Aufmerksamkeit genießen." Was genau in der mit Spannung erwarteten Arbeit passiert, will beziehungsweise darf der Bassbariton nicht verraten, nur so viel: "Es startet alles in der Entstehungszeit des Stücks und entwickelt sich auf sehr ungewöhnliche Weise weiter."<BR><BR>Warum Lortzing, der einst so Beliebte, kaum mehr gespielt wird, kann sich Ohlmann durchaus erklären: "Sind wir doch mal ehrlich - es biedermeiert schon arg, oder? Vielleicht muss man da dem Stück einen anderen Kick geben. Das Konzeptionsgespräch mit der Regisseurin fand ich jedenfalls sehr einleuchtend."<BR><BR>Im Mai sind es genau zehn Jahre her, dass Holger Ohlmann ins Ensemble des Gärtnerplatztheaters kam. Den ersten Kontakt gab es bereits 1990: Im "Barbier von Sevilla" sang er die kleine Rolle des Offiziers, damals im Cuvillié´stheater, da das Stammhaus umgebaut wurde. Über einen Strolch in Orffs "Die Kluge" kam's dann zum Anfängervertrag.<BR><BR>Und hört man sich Ohlmanns bisherigen Lebensweg an, dann war der Schritt zum fest angestellten Opernsänger irgendwie logisch. Erste Bühnenerfahrungen sammelte er in der Familie im schwäbischen Weingarten - das Publikum: Papa oder die Nachbarn. "Wir sind sechs Kinder, und meine Mutter hat mit uns immer kleine Theaterstücke oder Krippenspiele einstudiert - für den Hausgebrauch eben." Dass der jüngste Bruder einmal mit der Hauptrolle leicht überfordert war, erledigte man pragmatisch: Dem Jesuskind wurde von den Geschwistern einfach ein Schnuller verpasst, wie Ohlmann lachend erzählt.<BR><BR>Und die frühkindliche Prägung funktionierte. Immerhin drei Kinder wurden Profi-Sänger, darunter die Schwester Ruth Ingeborg Ohlmann, die ebenfalls am Gärtnerplatz engagiert ist. Holger Ohlmann sammelte seine ersten Erfahrungen im Chor, sang dann in München bei Hanno Blaschke vor und ließ sich dort an der Hochschule ausbilden. Zuweilen wundert er sich schon über die Bruchlosigkeit der Karriere: "Ich hab' das nicht alles aktiv angestrebt, mir ist meine Vergangenheit im Grunde genommen widerfahren."<BR><BR>Am Gärtnerplatz führte das schließlich - neben diversen Mini-Einsätzen - zu Leporello ("Don Giovanni"), Arnold (Henzes "Die englische Katze") oder General Lefort ("Zar und Zimmermann") - und, seit letzter Saison, zum Sarastro in der "Zauberflöte". Eine "Traumrolle" sei dies, vor der er enormem Respekt gehabt habe. Die Repertoire-Vielfalt an diesem Haus reizt Ohlmann, wiewohl er mit manchem zeitgenössischen Opus seine liebe Müh' hat: "Es erfordert halt furchtbar viel Arbeit, die sich beim Publikum kaum mitteilt. Die Leute wissen oft gar nicht, was das für ein Aufwand ist. Und nach fünf, sechs Abenden ist die Sache wieder vorbei."<BR><BR>Richtig zu Hause fühlt sich Holger Ohlmann daher bei Mozart. Und mit dem Figaro, den er hier schon früher gesungen hatte, liebäugelt er immer noch: "Seit Jahren schwebt eine Neuproduktion im Raum, und die Titelrolle will ich unbedingt haben - auch wenn ich dem Intendanten da etwas lästig werden muss."</P>

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