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Skulpturen des US-Amerikaners Bruce Nauman bei der 53. Biennale in Venedig.

53. Biennale: Auf dem Abenteuerspielplatz

„Weltenmachen“ ist das Motto der 53. Kunst-Biennale in Venedig, die an diesem Sonntag eröffnet wird. Bis zum 22. November zeigen mehr als 90 Künstler aus 77 Nationen ihre Werke – so viel wie noch nie zuvor.

Einbauküchen – ist das nun typisch deutsch? Jedenfalls wird das auf der Biennale der Welt so vermittelt. Im Deutschen Pavillon in den Giardini (Gärten) der Esposizione Internationale durfte ein britischer (!) Konzeptkünstler, und zwar Liam Gillick, seine Sicht auf uns darstellen. Kurator Nicolaus Schafhausen (Witte de With Center for Contemporary Art, Rotterdam) hat ihn auserkoren. Kommentar einer Schweizer Besucherin: „Ist das blöd! Na ja, die Hauptsache ist wohl, man spricht darüber.“ Da mag die Dame Recht haben. Das Kokettieren mit dem Auf-keinen-Fall-nationalistisch-sein ist ohnehin ganz schön abgedroschen. Also ein Minus für Schafhausen. Dennoch ein Plus für Gillick. Der hat sich nämlich intelligent – und humorvoll – aus der Affäre gezogen.

In den Deutschen Pavillon, der seit dem Umbau 1938 von faschistischer Architektursprache geprägt ist, hat er lange Querreihen von Schein-Einbauküchen-Zeilen gesetzt. Helles, unbehandeltes Holz wurde ordentlich zusammengeschreinert: eine Küchen-Kulisse sozusagen. Die tilgt jegliches Pathos aus diesem Bau – so gründlich, als hätte es dort nie auch nur einen Hauch von Protz-Gestus gegeben; zumal die „Möbel“ die feierliche Längsachse des Baus mehrmals zerschneiden. Als Gag gibt es noch eine Art von Kater Murr (E.T.A. Hoffmann: „Die Lebensansichten des Katers Murr“). Die sprechende Küchen-Katze sitzt auf dem Kasten und missbraucht nicht des Dichters Aufzeichnungen, sondern zerfetzt und frisst Gillicks surreale Geschichte. Während eine Stimme aus dem Off den Text unverständlich aufsagt.

Dieses Tierchen – ebenso eine Verwandte der Grinse-Katze aus „Alice im Wunderland“ – macht bereits klar: Die Biennale di Venezia ist nicht nur eine herrlich verrückte Spielwiese für Kunst-Genießer, sondern auch für Kinder und Jugendliche. In diesem Jahr ist das besonders deutlich. Finnland zum Beispiel zeigt ein komplettes Feuerwehr-Museum (Jussi Kivi), das von Modellautos bis Uralt-Flüstertüten überhaupt keine Wünsche offenlässt. Das mögen auch Papas! Im rumänischen Saal, der unglaublich geschickt aufgeteilt ist – inklusive dem Gemüsegärtchen der Wahlmünchnerin Andrea Faciu im Innern – erlebt man ein Mobbing-Puppentheater (Video von Ciprian Muresan), und im Französischen Pavillon darf der Besucher sich wie ein gefährliches Zirkustier fühlen – komplett im Laufgitter (Claude Lévêque). Verrückte Auto-Stunts und Straßen-Akrobatik (Shaun Gladwell) sind hingegen im australischen Häuschen zu begutachten. Und bei den Russen wird jeder in ein tumultuöses Fußballstadion katapultiert (Alexey Kallima).

Aber nicht nur in diesen kleinen Häuschen finden sich Abenteuerspielplätze für Alt und Jung, die gesamten Giardini sind erholsam. Kinder können unbeschwert herumspringen, müssen nicht still und brav sein wie im Museum. Gefährliche Kanäle gibt es nicht, dafür ein herrlich flippig-psychedelisch ausgestattetes Selbstbedienungs-Café.

Natürlich finden sich auf der 53. Biennale ebenso ernste und nachdenkliche, fast klassisch gemalte oder gezeichnete und bisweilen vielleicht nicht jugendfreie Kunst. Freilich bricht Elke Krystufek (Österreich) mit ihren nackten Männern recht konventionell ein Tabu – so der Titel der von Valie Export kuratierten Schau. Den besten Pavillon, ob inhaltlich, ob inszenatorisch, bieten heuer die US-Amerikaner mit einer kleinen, feinen Retrospektive auf Bruce Naumans Œuvre. Tugenden und Todsünden lässt er mit seinen typischen übereinander angebrachten Neon-Schriften im Wechsel außen am Gebäude aufleuchten. Im Innern verhandelt er seine wichtigsten Themen: Gewalt und Gespräch, also negatives und positives Verhalten. Verstörend wie immer seine bedrohlich verkeilten Wachsköpfe (s. auch das Beispiel im Brandhorst-Museum), auch wenn sie mal als Springbrunnen fungieren, und die Plastiken von enthäuteten Tieren.

Trost dagegen: der Saal mit einem Wald voll Hand-Paaren. Sie „sprechen“ miteinander in der Tradition barocker Gemälde. Damals war festgelegt, welche Geste welches Argument begleitet. Kommunikation bedeutet für Naumann – Rettung. Ähnlich überzeugend sind die Projekte der Schweizer, Spanier, Israeli, Belgier und Ungarn. Ein Künstler wird mit einer aussagekräftigen Schau präsentiert. Die Eidgenossin Silvia Bächli bleibt ruhig und zurückhaltend bei ihren karg-poetischen Wasserfarben-Zeichnungen – akzentuiert durch Gletscherfotos, die auf die Klimaerwärmung anspielen.

Ähnlich fein und eigen, bescheiden und heiter sind die Gemälde auf Holz von Rafi Lavie (Israel) und die Kräuterkunde von Jef Geys (Belgien). Er spürt die Pflanzen nicht nur getrocknet und gepresst auf, sondern auf Straßenschildern und in allen Ritzen, wo sie wachsen. Imposant, teils unheimlich wie Wasserpflanzen, teils schön wie der Himmel sind die Gemälde des Spaniers Miquel Barcélo – und skurril seine demolierten, bemalten Tonplastiken. Mit dem Ungarn Péter Forgács werden die Opfer des NS-Rassenwahns wieder lebendig – indem er die alten Karteifotos animiert.

Er stimmt zunächst jedoch fröhlich, denn der Besucher kommt sich bei den anderen lebendigen Gemälden und Fotos wie im Film „Nachts im Museum“ vor. Sehr realistisch und sehr filmisch („Boulevard der Dämmerung“) wird’s bei den Skandinaviern. Echt sind die feschen Herren, die in dem zur schicken Villa mutierten Pavillon rumlümmeln. Nicht echt, aber naturalistisch bis zu den aufgeweichten Fingern ist die Wasserleiche im Pool. La Biennale di Venezia 53: tatsächlich ein großer Abenteuerspielplatz. Er setzt sich im Zentralpavillon und Arsenale der Serenissima fort – worüber wir noch berichten werden.

von Simone Dattenberger

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