Biennale: Satanisches an der Sproßenwand

München - Sie alle, Jago und Mephisto, Hagen und Hannibal Lecter, sind Gesellen gegen ihn. Der ultimative Meister des Bösen, der Kindsmörder und Gottesherausforderer, der Selbstverstümmler und Menschenzerfleischer, erblickte 1869 die Welt: in den „Gesängen des Maldoror" des Franzosen Isidore Ducasse.

Unter dem Namen Comte de Lautréamont veröffentlichte er einen in seiner Maßlosigkeit faszinierenden Roman, der es anno 2010 problemlos auf den Index schaffen würde. Und der nicht nur Gift und Geifer speit, sondern auch nach Vertonungen ruft: Philipp Maintz, der 33-jährige Aachener, hat diese dunklen Sirenengesänge gehört und daraus eine hundertminütige Partitur gefertigt.

Die Eröffnungspremiere der zwölften Münchener Musiktheater-Biennale ist also die schwärzeste ihrer Geschichte - und wird demnächst auch die renommierten Koproduktionsorte Aachen und Basel erschauern lassen. Dass man in jeder dieser sieben Szenen die aktuelle Missbrauchsdebatte mitdenkt, ist ein ungeplanter Effekt des vor sechs Jahren begonnenen Stücks. Doch: kein Blut, kein Röcheln, kaum naturalistisches Klangschreien. Wo musikalisches und szenisches Nachbilden versagen muss, suchen Maintz und das Regiegespann Georges Delnon/ Joachim Rathke im Prinzregententheater ihr Heil im Gegenentwurf. In einer intimen, subtil geklöppelten Partitur. Und in einer Szenerie, die oratorienhaft stilisiert.

Das Böse begegnet uns als Doppelfigur in schwarzem Lack und Leder: Maldoror und sein ihm in homoerotischer Zuneigung verbundener Schöpfer Lautréamont. Der erlkönighafte Abschnitt des Romans um Maldorors Mord an einem Kind (imponierend in seiner selbstverständlichen Gestaltung: Julius Schneiders) wird zur zentralen Szene. Und im Grunde stückbestimmend und -fokussierend, münzen doch Maintz und Text-Arrangeur Thomas Fiedler die Vorlage um zur beklemmenden Familiengeschichte.

Roland Aeschlimanns Bühne hat Installationsklasse. Die bühnenbreit gebogenen Sprossenwände suggerieren vieles: Käfig und Welle, Laufrad und Zaun. Und sind zugleich, nebst einer auf- und niederfahrenden Leinwand, Projektionsfläche für die französischen Romanzitate. Viel Text, das zeigt der unaufhörliche Wortdurchlauf, muss Maintz abarbeiten. So viel, dass er auch auf lange Sprechpassagen vertraut: Otto Katzameier (Lautréamont) zeigt dabei mehr mephistophelischen Charme als in den Gesangsmomenten. Martin Berner (Maldoror) ist in seiner virilen Präsenz eine echte Entdeckung. Und Marisol Montalvo, die mal neckisches Kindchen im weißen Kleidchen ist, mal als eine Art raunende Norne die Handlung rahmt, sich dabei in Sopran-Stratosphären aufschwingt, eine kleine Sensation.

Dass Philipp Maintz für Singstimme schreiben kann, hat er hier, in seinem ersten großen Vokalwerk bewiesen. Weit spannen sich die Phrasen über oszillierende, durch hektische Gesten unterbrochene Instrumentalflächen. Dem reinen Bösen begegnet Maintz auch mit reiner Schönheit, zum Beispiel mit Maldorors verziertem Arioso, das an die orpheische Klage eines Monteverdi erinnert.

Das Sinfonieorchester Aachen unter Marcus R. Bosch hat die komplexe Vorlage bravourös verinnerlicht. Maintz macht die Opernmusiker zu Solisten, schreibt etwa für vielfach geteilte Geigen. Ergebnis ist eine Partitur, die ihre Energie eher nach innen richtet - auf ein mikrokosmisches, trennscharfes Geschehen, das gelegentlich durch (Herz-)Schlagwerkschläge strukturiert wird und sich in vielen kleinen Gesten und Ereignissen abspielt. Mal atmosphärische Grundierung der Handlung ist das, mal faszinierend getüftelte Klangregie. Und manchmal eben auch Selbstzweck: Welche Haltung er zur Vorlage einnimmt, was ihm und uns die Inkarnation des Bösen sagen soll, lässt Klangwerker Philipp Maintz nur unscharf erkennen. Ein Grundproblem von „Maldoror", das einen fantasiereichen Tonschöpfer auf der Durchgangsstation zeigt: zu einem irgendwann reifen Opernkomponisten.

MARKUS THIEL

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